Der letzte Bolschewik

Ganz Europa ist vom Joch des Kommunismus befreit. Ganz Europa? Nein, im Westen wehrt sich wacker ein Stamm und sein Häuptling. Henri Krasucki, Boß der französischen kommunistischen Gewerkschaft CGI, führt auch im 95. Lebensjahr mit seiner Truppe allein und unverdrossen den Klassenkampf weiter. Mit Marx- und Engels-Zungen dröhnte jetzt der Altbolschewik unweit vom Roten Platz. Doch den Moskauern muß er mit seiner Brandrede vor internationalen Gewerkschaftern wie ein Fossil vorgekommen sein. An Lenins Grab legte Krasucki wie gewohnt einen Kranz nieder, ehe er Lorbeerkränze für Marx flocht. Krasuckis Weg führt, frei nach Grillparzer, vom Kommunismus über den Naturalismus zum Simplizissimus.

Farbige Formsache

Formen und Farben für Sachsen-Anhalt sucht die Magdeburger Landesregierung. Im Entwurf eines Gesetzes über Wappen, Flaggen und Siegel legt das Kabinett in Paragraph 3 fest: „Die Landesfarben sind gelb und schwarz.“ Zur Begründung wird nicht auf die Couleur der christlich-liberalen Regierungskoalition verwiesen, sondern an das Kolorit des ehrwürdigen Hauses Anhalt erinnert. Das traditionelle schwarzgelbe Balkenfeld findet sich auch im neuen Landeswappen; hier schiebt sich nur noch ein grüner Rautenkranz diagonal in den Vordergrund, der den ersten Namensteil des Bindestrichlandes symbolisieren soll. Und über allem schwebt ein gespreizter Adler – heraldische Huldigung der preußischen Vergangenheit nördlich von Magdeburg. Der Vogel trägt nicht, wie ursprünglich erwartet und angeblich von der Landes-SPD erhofft, rotes Gefieder; vielmehr paßte er sich, mit schwarzen Flügeln und gelben Krallen, den Machtverhältnissen und dem preußisch-anhaltinischen Erbe sozusagen im Fluge an.

Denkfabrik im Osten

Der neuen Generation von Entscheidungsträgern im postkommunistischen Europa Hilfestellung beim Übergang von der Diktatur zur Demokratie zu leisten – dieses Ziel hat sich das jüngst gegründete European Studies Center in Stirin (25 Kilometer südöstlich von Prag) gesetzt. Das Forschungszentrum ist ein Ableger des renommierten Institute for East-West Security Studies in New York und wie dieses aus Privatmitteln finanziert. Im Ambiente eines Schlosses aus dem 16. Jahrhundert suchen Wissenschaftler und Politiker gemeinsam nach neuen Konzepten für Sicherheit und Kooperation in Europa.

Kiep-Preis

Die Kiep-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kenntnisse junger Journalisten über Amerika zu fördern und ihnen mit 10 000 Mark einen USA-Aufenthalt zu finanzieren. In diesem Jahr ist der Preis zum ersten Mal einem Reporter-Tandem verliehen worden: dem 28jährigen Stefan Scheytt und dem 26jährigen Oliver Schröm von der Heidenheimer Zeitung.