Von Maria Huber

Moskau, im Dezember

Eine Hilfsaktion, ohne daß schon Hunger herrscht; ein Akt der Solidarität, ohne daß bisher klar geworden ist, wem er wirklich zugute kommt; ein Spendensturm, ausgelöst von Wahlkampf und Weihnachten und viel gutem Willen, der inzwischen Geber- und Nehmerseite zu überfordern droht. Die Deutschen möchten wissen, ob ihre Hilfe die Bedürftigen wirklich erreicht. Doch wie die Transport- und Verteilungsprobleme zu lösen sind, können die Sowjets auch in diesen Tagen nicht besser beantworten als seit Jahrzehnten während der Erntezeit.

Von den einheimischen Hilfsorganisationen kann allein das Rote Kreuz Zuverlässigkeit und Zollfreiheit garantieren. Doch wie viele Menschen kann es erreichen? Und ist das sowjetische Rote Kreuz politisch unabhängig genug? Kann es die humanitären Ziele deutscher Hilfswerke in einem tobenden Machtkampf – in dem die Angst vor dem Hungerwinter von der konservativen Bürokratie als Waffe gegen die Marktwirtschaft benutzt wird – verteidigen? Kann es verhindern, daß die Menschen, die Hilfe geben und die Hilfe brauchen, bitter enttäuscht werden?

Anfang dieser Woche wartete das Moskauer Rote Kreuz auf die ersten acht Lastwagen von der Schwesterorganisation in Bonn. Swjetlana Amiridse, stellvertretende Abteilungsleiterin in der Rotkreuz-Zentrale der Hauptstadt, sagt lächelnd: „Gegen unseren Nebel kann auch deutsche Pünktlichkeit nichts ausrichten.“ Doch sobald der Konvoi in der Radjalnaja-Straße 6 eintreffe, könne die Verteilung beginnen. „Wir besitzen Namenslisten der Menschen, die Hilfe brauchen. Wir wissen, wie viele Pakete in die einzelnen Stadtbezirke ausgeliefert werden müssen. Wir betreuen 5332 alte und einsame Menschen, die bettlägerig oder behindert sind. Den 500 festangestellten Rotkreuzschwestern werden jetzt Freiwillige helfen, die Zehn-Kilo-Pakete direkt in die Wohnungen zu bringen.“

Swjetlana Amiridse wirft einen Blick in die Akten: „Die Zahlen müssen genau stimmen.“ Sie sagt es nicht mit der strengen Pedanterie sowjetischer Funktionärinnen, die trotz aller Schlamperei stets Autorität demonstrieren wollen. Die gelassene Georgierin ist präzises Arbeiten gewöhnt. Sie war in Tiflis lange Jahre als Kinderchirurgin tätig. „Dann befaßte ich mich im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Georgiens – als unser Außenminister Eduard Schewardnadse dort Erster Sekretär war – mit Problemen des Gesundheitswesens, der Volksbildung und der Kultur. Als ich zum Roten Kreuz stieß, besaß ich schon einige Organisationserfahrung.“

Jetzt setzt sich Frau Amiridse vor allem für die Menschen in Moskau ein. „Nicht weil Moskau die Hauptstadt ist. Die Not der Alten hier ist wirklich größer als in Georgien oder Mittelasien, wo die Großfamilie noch Pflegeaufgaben erfüllt.“ Die Hilfe aus Deutschland lindere die Not ihrer Schützlinge in zweifacher Hinsicht; sie verbessere die dürftige Versorgung und entlaste dadurch auch die Haushaltskassen, weil die erwarteten Pakete eure Lebensmittel wie Kekse, Kaffee, Kakao, Salami oder Salz enthielten. „Früher haben wir vor allem ärztliche und soziale Hilfe geleistet. Heute ist auch die materielle Unterstützung dringend nötig. Die Renten, selbst wenn sie demnächst steigen, können mit der Inflation bei weitem nicht Schritt halten.“