Von Christian Tenbrock

Der Wunsch des Spitzenmanagers wird sich wohl nicht erfüllen. Man solle doch sein Unternehmen in Ruhe lassen, schrieb in der vergangenen Woche Charles Exley, Chef des amerikanischen Computerherstellers NCR. Adressat des mit „lieber Bob“ überschriebenen Briefes: Robert Allen, Vorsitzender des Telekommunikations-Giganten American Telephone and Telegraph (AT & T). Aber der will nicht hören. Allen bietet mehr als sechs Milliarden Dollar, um die fünftgrößte Computerfirma Amerikas unter seine Fittiche zu bringen. Ziel: mit der Verbindung von Computergeschäft und Kommunikationstechnologie soll AT & T zu einem schlagkräftigen Konkurrenten auf den Informationsmärkten der Zukunft werden – sogar fähig, es mit IBM aufnehmen.

Gelingt der Coup, wäre er die erste „feindliche“ Übernahme der neunziger Jahre in Amerika. Aus einem „schwerfälligen und konservativen Unternehmen, dessen Aktien nur für Witwen und Waisen gut waren, hat sich AT & T zu einem agressiven Raubritter entwickelt“, freute sich das Wall Street Journal. Anfangs bot Allen dem Zigarrenraucher Exley noch eine Übernahme in aller Freundschaft an. Als sich das NCR-Management aber bockig zeigte, die traditionsreiche Firma zum offerierten Preis freiwillig aufzugeben, ging AT & T in die Offensive. Inzwischen sind Bankiers und Rechtsanwälte mit der Vorbereitung der Schlacht um NCR beschäftigt.

Die wenigsten Experten an der New Yorker Wall Street glauben, daß NCR den Kampf um seine Unabhängigkeit gewinnen kann. AT & T bietet den NCR-Aktionären derzeit neunzig Dollar pro Aktie. Exley fordert einen Preis von 125 Dollar. Am Ende des möglicherweise monatelangen Tauziehens werden sich die Kontrahenten nach Meinung von Wall-Street-Auguren irgendwo in der Mitte treffen. Das Schicksal der 1884 als National Cash Register Company gegründeten Firma wäre damit besiegelt.

Der Wunsch, eines der großen Computerunternehmen Amerikas zu übernehmen, zeigt die Unfähigkeit von AT & T, aus eigener Kraft im Rechner-Geschäft erfolgreich zu sein. Seit 1984 versucht der größte Telephonkonzern der Welt, in diesem Bereich Fuß zu fassen. In diesem Jahr mußte „Ma Bell“ nämlich das Monopol auf dem Fernmeldemarkt in den Vereinigten Staaten aufgeben und sich von den regionalen „Baby Bells“ trennen. Im Gegenzug ertrotzte sich AT & T aber die Erlaubnis, künftig auch Computer bauen zu dürfen. Experten prophezeiten damals, daß der finanzstarke Konzern in kürzester Zeit auf dem Telekommunikations- und Computermarkt zum größten Konkurrenten von IBM werden würde.

Dazu ist es bis heute allerdings nicht gekommen. Den Ansturm der Konkurrenz auf dem Fernsprechmarkt hat AT & T zwar erfolgreich überstanden; rund zwei Drittel des Umsatzes erzielt der Konzern nach wie vor mit Telephonaten. Aber seine Ausflüge ins Computergeschäft endeten fast ohne Ausnahme mit Niederlagen: Die Ehe mit dem italienischen Büromaschinenhersteller Olivetti ging im vergangenen Jahr in die Brüche. Die Computertochter Data Systems schreibt immer noch keine schwarzen Zahlen. Insgesamt hat der Konzern in der Rechner-Sparte seit 1984 rund zwei Milliarden Dollar verloren. Auch für dieses Jahr werden Verluste in Höhe von 300 Millionen Dollar vorausgesagt. AT & T, so das barsche Urteil von Branchenbeobachtern, sei bisher unfähig gewesen, auf schnelle Veränderungen und die harte Konkurrenz auf dem Computermarkt rasch zu reagieren.

Ganz anders NCR: Das Unternehmen verbuchte 1989 mit dem Verkauf von mittelgroßen Computern und hochmodernen Registrierkassen Gewinne von mehr als 400 Millionen Dollar. Sechzig Prozent seines Umsatzes macht NCR im Ausland. Auf die geringen Wachstumsraten der vergangenen Jahre – die Firma hat sich nie am boomenden Geschäft auf dem Markt für Personalcomputer beteiligt – reagierte die Technologie-Schmiede mit der Entwicklung moderner, aber trotzdem billiger Produkte. Eine Übernahme durch AT & T gefährdet diese Erfolge – zumindest laut NCR-Chef Exley: Die gesunde NCR wäre für die Sanierung der kranken AT & T-Tochter Data Systems zuständig. „Wir würden aufgefordert, den Pfusch wieder in Ordnung zu bringen“, schrieb der verbitterte Exley an seinen Manager-Kollegen Allen.