Ein Personenwechsel allein wird die SPD nicht aus ihrer Misere führen

Von Gunter Hofmann

I.

Wer Erfolg hat bei den Sozialdemokraten, kommt nicht ungeschoren davon. Blitzschnell haben sie sich entschieden, daß einer der wenigen, der unbeschädigt ist, populär und eben erfolgreich, im Mai zum Nachfolger Hans-Jochen Vogels an die Spitze der Partei gewählt werden soll: Björn Engholm. Hätte Walter Momper in Berlin nicht so dramatisch verloren, stünde demnächst vielleicht er in der Reihe von Bebel und Brandt.

Niemand hat sich wirklich in das Amt gedrängt. Machthunger in diesem Sinne muß sich die jüngere Generation der Sozialdemokraten gewiß nicht vorwerfen lassen. Oskar Lafontaine, der geschlagene Kandidat, wollte nicht Parteichef werden neben einem Fraktionsvorsitzenden Vogel. Vielleicht wollte er überhaupt nichts mehr werden – er sieht aus der Ferne zu.

Eine gewachsene Autorität, die dazu führte, daß der Kieler Engholm, 51 Jahre alt und Regierungschef von Schleswig-Holstein, an die Spitze aufrückt, wird man ihm nicht bescheinigen können. Alles das, was hinausführt über den Ruf eines Mannes, der sein Amt bedachtsam und solide, gewiß auch nicht inkompetent und führungsschwach wahrgenommen hat, muß er sich erst noch erwerben.

Hans-Jochen Vogel, von Oskar Lafontaines Entscheidung überrascht, den Parteivorsitz nicht zu übernehmen, mußte seinem eigenen Plädoyer für eine Verjüngung folgen. Vogel ist es gelungen, den Laden einigermaßen zusammenzuhalten, was nicht wenig ist. Er hat auch die Souveränität besessen, ein ganz auf sich bezogenes Temperament wie Oskar Lafontaine auf seine Weise kandidieren zu lassen. Aber der einzige mit ungebrochener Autorität an der Spitze, mit dem Respekt vor einem gelebten Leben und einer gewaltigen Politiker-Biographie ist derzeit also Brandt.