Die Diagnose fiel unbarmherzig aus. Jeder Satz geriet Michel Noir scharf wie ein Skalpell: „Frankreich ist krank“ – krank wegen seiner Eliten, die von einer Krise in die nächste schlittern, krank wegen seiner Politiker, die sich nur noch um ihre Affären kümmern, krank vor Angst und Intoleranz. Lyons jungenhafter Bürgermeister, wegen seines leicht hölzernen Charmes gelegentlich mit John F. Kennedy verglichen, erschreckte mit seiner Offenheit die Franzosen.

Er las seinem Land die Leviten und kehrte vergangene Woche zugleich seiner gaullistischen Partei den Rücken. Das Abgeordnetenmandat legte er nieder. Zwei Jahre lang hatte er unter dem gaullistischen Regierungschef Jacques Chirac als Minister gedient. Bereits wird er als möglicher Mitterrand-Nachfolger gehandelt. Böse Zungen legen sein Adieu nun als Manöver aus, um als Anwärter auf das höchste Amt im Gespräch zu bleiben.

Doch Noir steht nicht allein. Vor wenigen Wochen warf der ehemalige Kulturminister François Leotard seiner kleinen Republikanischen Partei den Bettel hin. Wenige Stunden nach Noirs Abgang gab auch die frühere Gesundheitsministerin Michèle Barzach den Gaullisten den Laufpaß und ihr Mandat ab. Schließlich warnten am Wochenbeginn zwölf Sozialisten und Deputierte in einer Streitschrift in Le Monde: „Die Demokratie ist in Gefahr.“

Alle gehören sie zur jüngeren Politikergeneration, der die Alten vor dem Licht stehen. Keine andere Demokratie Westeuropas erlaubt ihren Parteiführern ein so langes Überleben wie Frankreich: Mitterrand ist bald ein halbes Jahrhundert, Chirac und Giscard d’Estaing sind schon 25 Jahre im Geschäft. Frankreich wirkt siech, die robusten Altstars aber verteidigen ihre Spitzenposition und merken nicht, wie sie zusehends die Bodenhaftung verlieren. van