Von Christoph Bertram

Er sei voller Drang und Lust, die Welt zu bewegen, hatte Horst Teltschik noch 1987 gesagt. Jetzt zieht er nach acht Jahren, in denen er als außenpolitischer Ideengeber und Handlanger des Kanzlers mit den Mächtigen der Welt verkehrte, in die deutsche Provinz: Vom 1. Januar 1991 an wird Teltschik Geschäftsführer der Bertelsmann-Stiftung, einer zwar ausbaufähigen, aber noch bescheidenen Fördereinrichtung des großen Medienkonzerns in Gütersloh.

Was veranlaßt einen, der die Droge Politik in reiner Form eingesogen hat, zu einem derart drastischen Berufsschwenk? Gewiß, da sind die üblichen Ermüdungserscheinungen nach achtjähriger Schwerstarbeit. Teltschik, inzwischen fünfzig, weiß zudem wie jeder seines Alters: Wenn er noch etwas Neues anfangen will, dann muß er es bald tun. Aber der Abschied des kantigen, selbstbewußten Mannes mit Lockenschopf, süddeutschem Zungenschlag und sprödem Charme ist vor allem einem Umstand zu verdanken: Die Bonner Bürokratie duldet Seiteneinsteiger nur schwer, erst recht, wenn sie dort sitzen, wo Hammer und Amboß aufeinandertreffen.

Der Bundeskanzler hat nach der Verfassung zwar auch in der Außenpolitik die Richtlinienkompetenz, die operative Verantwortung jedoch trägt der Außenminister. Der Kanzler braucht also, zumal wenn er in der internationalen Politik nicht übermäßig bewandert ist, einen engen außenpolitischen Ratgeber. Dieser jedoch – so sind die ungeschriebenen Gesetze der Bürokratie – hat hinter den Bonner Kulissen nur dann Statur und Einfluß, wenn er mit entsprechenden bürokratischen Schulterklappen versehen ist. Damit wurde Teltschik, offiziell Ministerialdirektor und Leiter der Außenpolitischen Abteilung im Bundeskanzleramt, inoffiziell Vordenker und Emissär des Kanzlers, fast zwangsläufig zum Ärgernis für das eifersüchtig auf seinen Zuständigkeiten beharrende Auswärtige Amt von Hans-Dietrich Genscher.

Kohls Vorgänger lösten das Reibungsproblem, indem sie stets einen hohen Diplomaten zu ihrem außenpolitischen Abteilungsleiter machten. Helmut Kohl jedoch, der sich der Bürokratie im allgemeinen und Hans-Dietrich Genscher im besonderen nur ungern ausgeliefert sieht, berief 1982 seinen getreuen Teltschik auf diese Stelle, der ihm schon seit 1972 in der Mainzer Staatskanzlei und später, während der Oppositionsjahre in Bonn, als Bürochef gedient hatte. Der Konflikt war programmiert. Er wurde noch dadurch verstärkt, daß der Ministerialdirektor Teltschik nie ganz gegen die Versuchung gefeit war, sich als Kohls Kissinger zu verstehen. Der hatte bekanntlich als Sicherheitsberater Präsident Nixons neben und über dem Außenministerium Politik gemacht.

Dennoch bewies Teltschik – von gelegentlichen Pannen, die Genschers Herolde genußvoll aufzählen, abgesehen – im allgemeinen eine glückliche Hand. Die Kontinuität der Ostpolitik von Schmidt/Genscher zu Kohl/Genscher hat er wahren helfen und gelegentliches ausländisches Mißtrauen gegenüber dem Polit-Akrobaten Genscher mildern können. Nie war er ein Claqueur des Kanzlers, sondern stets sein eigener Mann, dessen Kritik um so einflußreicher war, als der Kanzler nie an seiner Treue zu zweifeln brauchte.

Sechsmal ist Teltschik allein im vergangenen Jahr Michail Gorbatschow begegnet, mehrfach hat er mit dem Kreml-Chef ausgiebige Gespräche geführt und den Erfolg des Treffens im Kaukasus dabei vorbereitet. Das alles mußten Genscher und sein Team zähneknirschend ertragen. Aber schon vorher, als der Kanzler Teltschik Anfang 1989 zum Sonderbeauftragten für die deutsch-polnischen Verhandlungen ernannt hatte, war die Schmerzgrenze des Außenministers überschritten. Teltschik mußte leiden, weil Kohl den Bogen überspannt hatte.