Am 1. Juli dieses Jahres wurde ich zum Grundwehrdienst in die Bundeswehr einberufen. Für mich war das der einfachste Weg, mit dem Wintersemester 1991 das Studium zu beginnen. Ich war zwar auch vorher schon der Meinung, daß Zivildienstleistende eine wichtigere Aufgabe erfüllen als Wehrdienstleistende. Doch im Juni 1990 dauerte der Zivildienst noch fünf Monate länger als der Grundwehrdienst, der damals fünfzehn Monate betrug. Nur aus Bequemlichkeit und mit dem Gedanken, so wenig Zeit wie möglich bis zum Studienanfang zu verlieren, entschied ich mich für die Bundeswehr. Und als im Juli 1990 der Grundwehrdienst noch auf 12 Monate verkürzt wurde, waren alle Wehrdienstleistenden und natürlich auch ich sehr glücklich.

Doch über Nacht kam die Angst, Saddam Hussein besetzte Kuwait. In der westlichen Welt und auch in der Bundesrepublik wurden Stimmen laut, die eine Änderung des Grundgesetzes forderten, um einen Bundeswehreinsatz auch in anderen Ländern, zumindest innerhalb der Uno-Truppen, zu ermöglichen. Nachdem ich diese Nachricht zum ersten Mal gehört hatte, wurde mir bewußt, daß ich keine einzige Sekunde während meiner Bundeswehrzeit und auch in der Zeit davor daran gedacht hatte, daß die Bundeswehr bei einem möglichen Konflikt eingesetzt werden könnte. Wer dachte denn im Zeichen von Glasnost und Perestrojka noch an einen Ernst- oder Verteidigungsfall?

Wenn ich zu Hause im Wohnzimmer sitze und Nachrichten höre, ist die Golfkrise seltsamerweise noch fast zu ertragen. Aber sobald ich in der Kaserne bin, in der ich von Montag bis Freitag wohne, kommt die Angst in mir auf. Wir sitzen dann zu acht in unseren Kampfanzügen mit bemalten („getarnten“) Gesichtern in unserer Stube und hören die Nachrichten. Nach dem Bericht über ein neues US-Ultimatum oder den Einsatz Libyens auf Seiten des Iraks, kommen Gespräche auf, die mich erschaudern lassen. Mit grinsenden Gesichtern wird erzählt, daß jetzt in Kürze sowieso der dritte Weltkrieg ausbrechen oder daß die Bundeswehr in Richtung Osten aufbrechen würde. Auf die Frage, ob sie schon einmal ernsthaft über die Bedeutung ihrer Äußerungen nachgedacht hätten, ob sie wüßten, daß ein Krieg am Golf Hunderttausenden das Leben kosten kann, wird mir geantwortet: „Hast du Angst? – Bist du ’ne Memme?“

„Die Amis hätten da unten schon längst aufräumen sollen. Und wenn die es nicht machen, machen wir’s!“ So ein besonders kerniger Unteroffiziersanwärter. Ein anderer hofft, daß es zu keinem Krieg am Golf kommt, weil das Benzin dann teurer werden wird und seine Heimfahrten somit von dem 345 Mark Wehrsold nicht zu bezahlen wären.

Ich will damit nicht sagen, daß so die allgemeine Stimmung in der Bundeswehr ist. Ich bin davon überzeugt, daß der Großteil der Soldaten vernünftig denkt, während des Gespräches hatte ich natürlich auch Soldaten auf meiner Seite.

Meiner Meinung nach kann die gesamte Menschheit nur hoffen und alles dafür tun, daß es doch noch zu einer friedlichen Lösung am Golf kommt.

Ich jedenfalls habe Angst – große Angst. T. S.