Von Dieter Borchmeyer

Als 1951 die Bayreuther Festspiele wiedereröffnet wurden, saß im zarten Alter von 23 Jahren auch ein Student namens Joachim Kaiser im Zuschauerraum, und er verfaßte damals bereits einen Bericht über seine Bayreuther Eindrücke für die Frankfurter Hefte. Seither hat er die Festspiele, ja überhaupt alle wesentlichen Stationen der Wagner-Interpretation bis in die unmittelbare Gegenwart kritisch verfolgt. Man darf Kaiser geradezu den Eduard Hanslick unserer Tage nennen – einen Hanslick freilich mit durchaus positivem Wagner-Bild. Daher liest man die Sammlung seiner Kritiken im zweiten Teil seines neuen Buches mit geschärfter Aufmerksamkeit.

Das Bayreuther Tagebuch von 1951 – durchaus noch nicht mit der eleganten Feder des späteren Meisterkritikers geschrieben – verrät freilich ein noch recht distanziertes Verhältnis zu Wagner, seinem vermeintlichen "Mythenrausch" und "Schopenhauer-Pessimismus". Verblüffend die entschiedene Ablehnung der revolutionären stilistischen Neuorientierung der Wagner-Regie durch Wieland Wagner. Dessen Inszenierungen verraten nach dem Urteil des Tagebuchschreibers "zwar Methode, aber eine heillos falsche". Von des Wagner-Enkels "fataler Lust an der Askese" ist da die Rede. Auch für die Magie der Lichtregie, die von Adolphe Appia, Wieland Wagners künstlerischem Adoptivvater, zum Hauptprinzip der Wagner-Inszenierung erhoben worden ist, hat Kaiser nur Kopfschütteln übrig. "Das sind doch keine Lösungen; eine Dunkelkammer mit Technicolor-Effekten schafft keine Festspielstimmung!" Kaisers Tagebuch gipfelt in einem kulturkritischen oder, wie er es nennt, "geist-soziologischen" Hieb auf die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik. Die "Wagner-Renaissance" ist ihm das bedenkliche Symptom "für unsere jetzt nahezu vollendete Restauration". Ja: "In Bayreuth feierte 1951 der Romantizismus des wohlhabenden deutschen Bürgertums zusammen mit Wagner seine öffentliche Wiederauferstehung." Wieland Wagners Versuch, "die Wagner-Oper antireaktionär umzuinszenieren", hält der junge Kritiker jedenfalls für gescheitert.

Noch sechs Jahre später, in einem bislang nicht publizierten Rundfunk-Feature, überwiegen die negativen Akzente in Kaisers Einschätzung von Wieland (und erst recht Wolfgang) Wagners Regie. Immer wieder artikuliert er sein Unbehagen gegenüber der symbolistischen Konzentration auf mythische Archetypen. Damit kann der aufgeklärte Kritiker nichts anfangen. Alles Mythische ist für ihn "düster", irrational, ein "Niemandsland". Die Bayreuther Bühne habe "mit dem kritischen 19. Jahrhundert nichts mehr zu tun, ... irrationale Nebel steigen auf". Seine Formel für Wieland Wagners Stil: "Entgermanisierung des Gesamtkunstwerkes auf eine beängstigend deutsche Weise".

Kaiser zeigt sich in der Unbeirrbarkeit seiner Kritik am Neubayreuther Symbolismus erneut als zweiter Hanslick, nun auch in seinem Werturteil – zwar nicht über Wagner, aber gegenüber seinem Enkel, dessen epochale Bedeutung er im Grunde nicht wahrhaben will. Das demonstriert auch – trotz aller rühmenden Akzente – seine Kritik der "Ring"-Inszenierung Wieland Wagners 1965, ein Jahr vor dem Tod des großen Künstlers. Sie klingt aus der Hoffnung auf einen "genialen Regisseur" aus, der Musik und Dichtung Wagners in gleicher Weise gerecht wird. Daß Wieland Wagner dieser geniale Regisseur für Kaiser nicht gewesen zu sein scheint, lassen die respektvoll-skeptischen Schlußsätze der Kritik ahnen.

1976 wurde ein Regieteam nach Bayreuth verpflichtet, das die Träume des jungen Joachim Kaiser von einer antireaktionären Uminszenierung Wagners, so scheint es, erfüllen mußte, ließ sie doch die finster-mythische, allzu deutsche Archaik, den asketischen Reduktionismus der Bühnenmittel und die statuarische Bewegungsregie weit hinter sich, ja verpflichtete sich dem von Wieland Wagner vermeintlich geflohenen kritischen 19. Jahrhundert. In der Tat rühmt Kaiser Patrice Chéreaus realistisch-intensive und bewegliche Personenführung, spielt sie gegen die angebliche "Wieland-Starre, die kalte Isolierung" aus, aber er ist inzwischen ein anderer, selbst ein wenig restaurativ geworden, wenn er konstatiert: "So begehrte enges 19. Jahrhundert gegen die absichtsvolle Weiträumigkeit der mythologischen Vorlage auf." Das empfindet Kaiser nun vielfach als besserwisserisch, und vor allem behagt ihm nicht – das zeigen auch noch die gut ein Jahrzehnt später geschriebenen Kritiken der "Ring"-Inszenierungen von Lehnhoff und Kupfer – die "Anachronismusorgie", das postmodernistisch collagierte Beieinander der Zeiten. "So zerbrach der Neu-Bayreuther ‚Ring‘ an seinem Ende."

Vergleicht man die von einem dezidierten ästhetischen Standpunkt aus gefällten Urteile des jungen Kaiser über den Neubayreuther Regiestil mit der bei aller scharfen Detailkritik doch kulanten Wertung der "Ring"-Kreationen von Lehnoff und Kupfer in den Jahren 1987 und 1988, so drängt sich der Eindruck einer zunehmenden Beliebigkeit der kritischen Maßstäbe auf. Einen Konsensus über die Kriterien der Beurteilung von Theateraufführungen gibt es längst nicht mehr. Die Berufung auf Autorintention und "Werktreue" scheint obsolet, das anything goes zur Bühnenmaxime geworden zu sein. Deshalb scheut mancher Kritiker ein dezidiertes Werturteil, das ihn bald ins Abseits bringen könnte. So wird der mediengeübte Nikolaus Lehnhoff, dessen Münchner "Ring"-Inszenierung kaum mehr als eine Kompilation gängiger Tendenzen der Wagner-Regie ist, mit einem Wohlwollen von Seiten Kaisers beschenkt, wie es sich ein so epochemachend-genialer Regisseur wie Wieland Wagner in den anderthalb Jahrzehnten, da dieser Kritiker sein Schaffen begleitet hat, kaum je erringen konnte.