Das Gerücht hatte schon am Montag abend beim Abschiedsfest für einen Spiegel-Kollegen die Runde gemacht: Diethelm Schröder, leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins, stehe unter Spionageverdacht. Der ins Zwielicht Geratene bat um Beurlaubung, noch ehe die ARD-Sendung Panorama ausgestrahlt worden war.

Ein Bericht wie eine Episode aus einem Spionageroman: Deckname „Schrammel“, in den fünfziger Jahren aus der DDR eingeschleust als ehemaliger politischer Häftling, aufgebaut als Top-Agent, eingepflanzt in die Presse des Klassenfeindes. Erst bei Bild, dann beim Spiegel, zuletzt als Leiter des Ostberliner Büros.

Diethelm Schröder gilt als einer der bestinformierten Militärexperten. Er ging auf der Bonner Hardthöhe aus und ein, duzte sich mit Generälen, war befreundet mit dem Nato-Generalsekretär Manfred Wörner. Er soll Protokolle von Politikergesprächen, Aufzeichnungen über Nato-Manöver, politische Profile von Kollegen nach Ost-Berlin geliefert haben. Drei ehemalige hauptamtliche Stasi-Leute haben ihn schwer belastet; der Düsseldorfer Generalstaatsanwalt ermittelt wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit.

Die Enthüller vom Spiegel – jetzt selber im Spiegel der Enthüllungen? Manche Redakteure wirkten konsterniert; andere spielten die Sache herunter; Schröder schweigt; sein Anwalt spricht von Verwechslung und Intrige; die Chefredaktion sandte einen Recherche-Trupp aus.

Nun wird die Konkurrenz Spott und Hohn über den Spiegel gießen, der sich gerade wieder durch Aufdeckungen aus dem Stasi-Sumpf verdient gemacht hat. Doch man sollte auch in der eigenen Gilde vorsichtig sein: Angeblich zirkuliert eine ominöse Liste von weiteren 43 westdeutschen Journalisten mit ostdeutschen Schnüffel-Kontakten. Stasi-Korrespondenten stehen ja nicht im Impressum. ill