Am trostreichsten sind die Teestunden. Die Poltergeister des Landhauses hatten soeben ihren großen Auftritt, und Cosmos eichernes Bett kam geräuschvoll die Treppe herab, am hellichten Tag und ohne besonderen Grund. Die Geister hatten mit großem Aufwand ein Zeichen ihrer Existenz gesetzt, das anfangs wirklich Erschrecken, dann allerdings auch Heiterkeit auslöste. Und als das Bett endlich angekommen war und stillhielt, wurde zum Tee geläutet: Es war just die festgesetzte Stunde. Man setzte sich zu Tisch und hatte allein mit diesem unerschütterlichen Ritual so viel Distanz von den jüngsten Erschütterungen gewonnen, daß man schmunzeln und das Ereignis mit dem landesüblichen Humor bedenken konnte. Im durchsichtigen, aromatischen Getränk klärte sich auf, was einem soeben an Undurchsichtigem zugestoßen war.

Joan Aiken erzählt die Geschichte von Cosmo, einem zehn- oder zwölfjährigen Jungen, der sich in einer neuen Umgebung, in einer neuen Klassengemeinschaft einzuleben hat und dabei auf seine Eltern und seinen Bruder verzichten muß. Cosmo ist mit sich allein, seit die Mutter und der Bruder fortgingen; der Vater gab ihn zu Cousine Eunice aufs Land und in eine etwas abgelegene Internatsschule. Hier hat er sich nicht nur in die rituellen „Prüfungen“, gegen die Ausgrenzungen seiner Klassenkameraden zu behaupten, er muß auch den Verlust seiner Familie verarbeiten und sich mit seinen neuen Hauseltern anfreunden. Das ist ein bißchen viel auf einmal, und obwohl Cosmo Mut hat und Selbstvertrauen, ist er natürlich dringend auf Weggefährten angewiesen.

Cosmo wünscht sich Freunde. Er wünscht sie sich so sehr, daß sie schließlich aus der vierten, der Zeit-Dimension, zu ihm stoßen. Zwei seiner Vorfahren, wilde, wortkarge Burschen aus vergangenen Jahrhunderten, begleiten ihn ein Stück, toben, kämpfen mit ihm die alten Kämpfe mit Dreizack und Netz, mit Schwert und Schild. – Seine erwachsene Cousine Eunice hat ihm von der Familie erzählt und vom Familienfluch: Seit Generationen müssen die erstgeborenen Söhne und deren Mütter sterben. – Die kluge Verwandte bietet dem Jungen an, was irgend tröstlich sein könnte, und mit dem Familienfluch kann Cosmo tatsächlich etwas anfangen. Er glaubt daran, das Fatum hilft ihm aus der einsamen Verzweiflung.

Er glaubt so stark gegen die Verzweiflung an, daß sich ein eicherner Schrank davon „rühren“ läßt und, von Cosmos Phantasie „bewegt“, durchs Zimmer wandert. So entschieden bekämpft der Junge seine Dämonen, daß es davon tatsächlich spukt.

Cosmo ringt tapfer mit dem Familienfluch, den er für seine Kinder nicht mehr gelten lassen will, und er ringt mit dem Spott der Klassenkameraden, den er für sich nicht gelten lassen kann. Das Ringen spielt sich nachts ab, wenn der Vollmond scheint und eine sechsspännige Kutsche geräuschlos über Land fährt. Dann hat er sich zu wehren gegen den argen Osmond und seine heimtückische Mutter. Dann stürzt er durch die morschen Dielen der alten Mühle in den eiskalten Bach und wird nur knapp gerettet.

Cosmo kämpft mit seinen Dämonen einen Kampf auf Leben und Tod; was ihn errettet, das sind zwei Klassenkameraden, die ihm nahekommen, weil auch sie ohne die Mutter auskommen müssen. Was ihn rettet, sind die sehr handfesten Landarbeiten, bei deren Verrichtung er dem Nachbarn hilft. – Joan Aiken vertieft sich hier in Details, schildert die Mühsal und die Langwierigkeit der sogenannten einfachen Verrichtungen, des Zaunsetzens und Schweinekobenbauens; sie erreicht beim Leser damit eine ähnlich arbeitstherapeutische Wirkung, wie sie wohl auch Cosmo erlebt hat. Was ihn errettet, das ist der Genuß, sich an den Tugenden seiner mittelalterlichen Vorfahren zu messen. Er empfindet mit ihnen die hohe Lust, edel, heroisch, tapfer zu sein. Er kann seiner Seele das Futter geben, das sie just in seinem Alter braucht. Er ist umgeben von urwüchsiger Landschaft, von Hügeln, Bächen, stämmigen alten Bäumen und Wiesen, unter deren Grün die Römerhelme modern. Alles ist stark um ihn, so kann er stark sein. Stark wie der Tee, zu dem er pünktlich gerufen wird. Joan Aiken flicht immer wieder die Schilderung des Tee-Rituals in ihre Gespenstergeschichte – als tröstliche Pause, als Ruhepunkt im chaotischen Gefühlsleben des Jungen. Mehr noch als das klare, aromatische Getränk schafft diese Zeremonie Frieden im Innern des pubertierenden Geistersehers. – Eine Geschichte für Gymnasiasten und sonstig aus dem Gleichgewicht geratene Seelen. Martin Ahrends

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