Von Bernd Müllender

Wie unendlich hoch lächerliche 45 Meter sind. Der Kopf versucht sich mit einem letzten verzweifelten Appell zurückzumelden: Nein. Stop. Laß es sein. Das ist doch Wahnsinn. Lichtjahre scheint das Wasser da unten entfernt. Wie klitzeklein die Menschen sind. "Fünf." – Was? – "Vier. Bei null springst du bitte ab." – Ich muß verrückt sein. – "Drei." – Das Herz schlägt im Hals. – "Zwei." – Die Knie zittern um die Wette. – "Eins." – Mein Bauch, mein Kopf, mein... – "Zero. Jump!" Und hopp – kopfüber ab ins Nichts.

Bungy-Jumping heißt dieses Seilspringen der anderen Art. Ausgerechnet Neuseeland, dessen Einwohner sich nach einem flugunfähigen Vogel stolz Kiwis nennen, hat sich diesem ungewöhnlichen Flugsport verschrieben. Der freie Fall als schönste Form des Fliegens, mit einem Sturz, der kein Absturz werden kann: Eine hochelastische Gummiwurst aus über tausend dünnen Einzelfäden, die am Fuß des Springers befestigt ist, federt den Fall ab, läßt den Probanden zurückschleudern und ein paarmal herrlich unkontrolliert wie ein menschliches Jo-Jo auf- und niedersteigen. Neuseeland ist das einzige Land weltweit, das das selbstmörderisch anmutende Treiben offiziell erlaubt. In diesen Wochen, wenn es bei den Antipoden wieder Sommer ist, läuft die dritte Saison.

Allan Hackett, ein 32jähriger Allroundsportler, hat die Gummisprünge kultiviert. 1987 ist er von einer Plattform des Pariser Eiffelturms gesprungen, ohne Erlaubnis, aber mediengerecht inszeniert, auch die Tagesschau zeigte damals Bilder davon. Gleich danach machte er sich in seiner neuseeländischen Heimat daran, mit dem Todesmut anderer seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Von der Provinzregierung mietete er, nahe der Touristenmetropole Queenstown, eine alte Brücke mit der Verpflichtung, pro Sprung fünf Dollar für die Renovierung des alten Gebälks abzuzweigen. Seitdem hüpfen die Leute bisweilen im Fünfminutentakt. Zuerst wird jeder gewogen und entsprechend die Länge des Gummis eingestellt. Auf Wunsch mit oder ohne Eintauchen in den rauschenden river. Die Fehlertoleranz der Veranstalter beträgt dreißig Zentimeter.

Kehren die Bungy-Jumper zurück auf festen Boden, dann sprechen sie von "unbeschreiblichen Gefühlen", von "einem Rausch", "einer Irrsinnslust". Manche zittern noch vom Adrenalin-Schub zuvor. Fast alle versichern, ein solcher Sprung sei nicht vergleichbar mit allen bisherigen Erfahrungen in ihrem Leben. Erleichtert und aufgedreht sehen sie aus, viele haben einen merkwürdig milden, glückseligen Gesichtsausdruck. Im Preis von knapp neunzig Mark sind T-Shirt und ein Zertifikat der Allan Hackett and Fun Innovators Ltd. inbegriffen, auf dem spöttisch bescheinigt wird, der Springer habe mit Erfolg "jeglichen Bezug zur Wirklichkeit verloren und allen Verantwortungssinn für sein Leben aufgegeben".

So ganz stimmt dies natürlich nicht. "Wir haben ein System entwickelt, das alle Risiken eliminiert", sagt Henry van Asch, ein früherer Extremskifahrer und heute Hacketts Geschäftspartner. An die 50 000mal (davon die Hälfte bei der Hackett Company) hat dies bislang in Neuseeland funktioniert. Dann ist einer, Anfang 1990, bei einem anderen Veranstalter in der Stadt Auckland zu Tode gestürzt, weil das Seil falsch eingeklinkt war. Gleichwohl behaupten die örtlichen Bungy-Anhänger, daß Militärpiloten und Raumfahrer deutlich gefährlicher leben.

Ähnlich lakonisch beurteilt Doug Parker, der zuständige Aufsichtsbeamte im Labour Department in Wellington, die Sprünge am Seil. "Der Nervenkitzel an diesem Bündel ungekochter Spaghetti" sei nichts anderes "als Fahrgeschäfte wie etwa eine Achterbahn oder eine Loopinganlage". Besser, man überprüfe, erlaube und kontrolliere, als daß unverantwortliche Amateure sich und andere mit selbstgebastelten Kautschuk-Strippen fahrlässig zu Tode stürzten.