Von Ria Endres

Gegenwartsliteratur, das haben wir jetzt endlich alle kapiert, gibt es nicht mehr; übrig geblieben ist nur noch Markt, dessen bekannte und erfolgreiche Gesetze glücklicherweise nicht mehr durch Literatur gestört werden. Ein Autor, der noch nie ein Buch, geschweige denn Literatur publiziert hat, kann also durchaus mit einem Preis oder Stipendium gesponsert werden; Investitionen sind Zeichen einer gesunden Wirtschaft. Auch in Frankreich werden diese Gesetze befolgt, und doch wittern wir sofort einen neuen Coup, wenn wir hören, daß die Tochter des Literaturkritikers und Romanciers Roger Nimier ihrem preisgekrönten Erstling „Sirene“ ein zweites Werk, das womöglich gut verkauft wird, folgen läßt.

Das Schöne an dem Buch „Die Giraffe“ von Marie Nimier besteht darin, daß es sich um Literatur handelt. Marie Nimier ist eine vielseitige Künstlerin. Als Schauspielerin, Sängerin und Musikerin arbeitet sie mit freien Theatergruppen, arrangiert Performances in Kunstgalerien, Museen, im Zoo und sogar an den Niagarafällen. Zur Eröffnung eines Bistros in Paris führte sie ein musikalisches Spektakel für Chor und Orchester auf unter dem Motto: „Um das Meer nach Paris zu holen.“ All diese eher phantastischen Auftritte lassen ahnen, daß sich Marie Nimier vor allem für nicht festgelegte Abenteuer interessiert.

Liebe im Zoo

Kann „Sirene“, 1985 bei Gallimard erschienen, noch als Versuch einer Aufarbeitung ihrer Biographie gelesen werden, so handelt es sich bei dem zwei Jahre später veröffentlichten Roman „Die Giraffe“ um eine wirklich ausgedachte Geschichte.

Der Ort der Handlung ist Paris, vor allem der Zoo Vincennes. Die Hauptfiguren: Joseph, zunächst neunzehn, am Ende des Buches dreiunddreißig Jahre alt, und die Giraffe Hedwige. „Ich habe nur ein einziges Wesen auf dieser Welt geliebt, und ich habe es getötet.“ Dieser erste Satz faßt die ganze Wahrheit des Buches lakonisch zusammen. Der Täter steht fest. Joseph ist das Kind einer Schwarzen und eines weißen Franzosen. Die Mutter starb kurz nach der Geburt. Sie hinterließ ihm einen roten Schal, den er immer um den Hals trägt wie eine verlängerte Nabelschnur. Außerdem weist seine braune Hautfarbe auf das mütterliche Erbe hin. Sein Vater hat Joseph zu Pflegeeltern aufs Land gegeben, die vor allem an Geld interessiert waren. Die Erwachsenen glauben, daß Joseph Tiere liebt, weil er sich hauptsächlich mit ihnen beschäftigt. In Wirklichkeit mag er sie nicht und quält sie; er fühlt in sich den Trieb, sie zu erwürgen. Er dressiert einen Hund, bis dieser ihm, fast wahnsinnig, an die Kehle springt. Der Biß hinterläßt eine Narbe. Joseph hat oft unter Angina zu leiden und verdeckt seinen Hals mit dem roten Schal. Ein böses Kind, scheinbar ohne Wünsche.

Kinder sind immer Tierfreunde; ein nettes Klischee. Aber man braucht nicht nur an Buñuel-Filme zu denken, jeder trägt seine eigenen Bilder mit sich herum, die das Gegenteil beweisen. Joseph, klein, mager, fast rachitisch, hat Angst vor menschlichen Berührungen. Die Lust und Qual eines Hundes verwirren ihn, bedrohen ihn aber nicht. Ansonsten langweilt ihn das Landleben. Er denkt an seinen Vater und schreibt ihm regelmäßig Briefe nach Paris. Um seine Aufmerksamkeit zu erregen, erfindet er immer irrsinnigere Katastrophen, Krankheiten, Seuchen, die alle mit dem Tod enden. Der Wirkung dieser großen und kleinen Schrecken schreibt Joseph es zu, daß er endlich vom Vater nach Paris geholt wird.