Von Peter Siebenmorgen

Bonn, im Dezember

Munter gab sich Hans-Dietrich Genscher schon immer, doch jetzt scheint er wirklich ausgeruht. Seine Brillengläser müssen keine müden Augen mehr verstecken. Seit dem 2. Dezember filtern sie eher ein wenig die wiedergewonnene Strahlkraft und den Optimismus des Außenministers. Das ist erstaunlich nach den ungeheuren Strapazen seines Wahlmarathons durch die deutschen Lande.

Erfolg ist Genschers Jungbrunnen. An den Rückzug aufs Altenteil denkt er nicht. Verflogen scheinen die ernsten Gesundheitsprobleme, die Genscher seit dem vergangenen Jahr nicht mehr vor der Öffentlichkeit verbergen konnte. Damals, als sich der herzkranke Mann für einige Wochen aus dem politischen Tagesgeschäft zurückziehen mußte, erklärten seine Mitarbeiter im Auswärtigen Amt: „Die kommende Bundestagswahl muß er noch mitmachen. Die FDP braucht ihn, und er fühlt sich seiner Partei verpflichtet. Doch ein bis zwei Jahre später wird sein Rückzug aus der Politik folgen.“

Das alles ist vergessen; der glanzlose, weil unvermeidliche Rücktritt vom Vorsitz der Liberalen im Jahre 1985 gilt als Urgeschichte. Die FDP ohne Genscher scheint heute weniger vorstellbar denn je. Genscher in Ewigkeit? Natürlich nicht: In den laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, CSU und FDP wird nicht nur das innere Gleichgewicht der Regierung neu tariert; gleiches geschieht auch mit der Binnenstruktur der Liberalen. Welcher Freidemokrat auf welchen Kabinettssitz rückt, wer den Fraktionsvorsitz übernimmt, welche inhaltlichen Akzente die FDP setzen kann – dies alles sind entscheidende Fragen für die Zukunft der Genscher-Partei in einer Zeit nach Genscher. Niemand sieht das übrigens klarer als der Außenminister selbst. Wenn er seit der Wahlnacht immer wieder von der Notwendigkeit einer „inneren Erneuerung“ spricht, dann meint er nicht nur die Koalition, sondern gerade seine eigene Partei.

Mit Blick auf das hervorragende Abschneiden der Liberalen bei der Wahl scheint dies nicht eben dringlich. Ein zweistelliges Ergebnis – wann hat es das zuvor gegeben? 1961, unter anderem Vorzeichen: dem leeren Versprechen Erich Mendes, den altersschwachen Kanzler Adenauer zu stürzen, um die christlich-liberale Koalition zu retten, waren viele auf den Leim gegangen. Auch 1980 gelang es den Freien Demokraten, die Zehn-Prozent-Hürde zu nehmen. Doch damals gab es den Unions-Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß, den prominentesten Wahlhelfer der FDP. Das Traumergebnis von 1990 aber haben die Liberalen aus eigener Kraft erreicht: Es galt weder, eine absolute Mehrheit zu verhindern, noch Dämonen aus dem Kanzleramt fernzuhalten. Genscher wählen, lautete die Parole. Oder aber, so liest man es lieber im Thomas-Dehler-Haus, der FDP-Parteizentrale: Die liberale Partei für das angebrochene liberale Zeitalter stärken.

Gestärkt ist sie nun, die FDP. Wozu also noch erneuern? Da ist zunächst die Altersstruktur der Parteiführung. Wolfgang Mischnick, der scheidende Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Otto Graf Lambsdorff, der Parteivorsitzende, und Hans-Dietrich Genscher, die tragende Säule der Liberalen, sind allesamt im Pensionsalter oder erreichen es bald. Erneuerung bedeutet für Genscher demnach vorab Verjüngung. Lambsdorff sieht dies ähnlich; der Wechsel an der Parteispitze ist für 1993 vorgesehen. Doch auch der Außenminister scheint allmählich an seinen persönlichen „Tag danach“ zu denken.