Von Karsten Witte

Mit einem Mann auf Reisen haben Wegelagerer ein leichtes Spiel. Sie zeigen bloß in die falsche Richtung und stürzen so den Reisenden, wo nicht in den Abgrund, mindestens ins Mißverständnis. Ob es sich um die Welt in achtzig Tagen dreht oder um den Tag in achtzig Welten, das bestimmt der Grad der Täuschung, die einen Mann unterwegs befällt. Ist „Nächtliches Indien“ nun der Stoff, aus dem Dokumentarfilme, oder der, aus dem die Schelmenromane gemacht sind? Ein Portugiese ziellos in Indien, das wäre das Dokument einer Reise; ein Literat namens Rossignol (alias Nightingale), der nach einem verschollenen Freund sucht, das wäre ein Schelmenroman, mit allen Wassern der Erfahrung gewaschen. Doch Vorsicht an der Bahnsteigkante: Wer hier einsteigt, begibt sich nur zum Schein auf eine Bildungsreise. Dieser Film ist ein kleines, implosives Abenteuer, das auch mitreisende Zuschauer zur Entfremdung verführt. Man fährt aus der Netzhaut und reibt sich die Augen: Ist Indien das Rätsel? Sind wir das Ziel der Reise?

Ein Mann, Mitte Dreißig, durchquert den indischen Kontinent, um mit geringer Hoffnung jemanden zu finden, der zuletzt in der ehemals portugiesischen Kolonie von Goa gesichtet worden war. Die Stationen der Reise sind wie von Schrifttafeln im Stummfilm benannt: ein verkommenes Bordell in Bombay, ein Krankenhaus für die Hoffnungslosen, das Luxushotel „Taj Mahal“, ein Wartesaal, ein Strand, eine Hotelterrasse. Je weiter der stoische Held sich vom Zentrum einer möglichen Handlung entfernt, desto energischer wird er an die Peripherie der Gedanken getrieben. Was die Zeugen mutmaßen, die den Verschollenen gesehen haben wollen, taugt zur Wahrheitsfindung nicht. Wird die denn angestrebt?

Die tranige Nutte, der fahrige Arzt, der mysteriöse Mitreisende im Schlafwagen, der latinische Chef einer theosophischen Gesellschaft: sie alle reden, um zu verschweigen, daß sie von dem Verlorenen keine Spur kennen. War er krank, wahnsinnig oder lebensmüde, als er seine Geschichten am Ende verbrannte? Gab es ihn überhaupt? Der Reisende Rossignol ist in sein Echo verliebt und rennt seinem Schatten nach. Hat er sein mühsames Unternehmen nicht eher als kunstvolles Selbstgespräch inszeniert, in das er Fremde verwickelt, um sich im indischen Elend eine Spur heimischer zu fühlen? Der inneren Verfassung des Reisenden entspricht die Form der Reise: Beide sind aus freien Stücken unverbunden. Erst im letzten Schwindel der verfänglichen Sinne fügen sich die Fragmente zu einem Plan.

„Nächtliches Indien“ hieß als Roman des italienischen Autors Antonio Tabucchi noch „Indisches Nachtstück“. Der deutsche Verleih verlegt den Akzent von der Form („Nachtstück“) auf den vermuteten Inhalt („Indien“). Gern prunkt die Filmindustrie mit einem spektakulären Schauplatz, den sie dann mit europäischen Empfindungen bevölkert. Fritz Lang und Jean Renoir übten mit ihren Indienfilmen eine Haltung ein, die in den Dokumentationen aus Indien von Roberto Rossellini und Louis Malle weggewischt wurde: Bei ihnen war der Blick aufs schiere Elend kaum auszuhalten. Die Unerträglichkeit des Seins in Indien beschrieb Pier Paolo Pasolini in seiner Reportage „Der Atem Indiens“: „Ich weiß nicht, wie Menschen überhaupt leben können mit einer Handvoll schmutzigem Reis, mit schmutzigem Trinkwasser, immer bedroht von Cholera, Typhus, von den Pocken oder gar von der Pest, mit Schlafplätzen auf der nackten Erde oder in fürchterlichen Unterkünften. Jedes neue Erwachen muß ein Alptraum sein.“

Alain Corneaus Film zeigt das Erwachen aus dem Elend in den Alptraum der Fiktion. Höflich verhält er sich zum Dokument, raffiniert zur Erfindung. Der Film ist ein Wechselbalg, der sich selbst zum Spielzeug wählt. Er sucht nicht den Schauplatz nach hungernden Krüppeln und erhabenen Kuppeln ab. Gelassen bewegt er sich von draußen nach drinnen, von der schäbigen Gasse zum Luxushotel, von den Tempelfiguren drawidischer Kunst zur Schönheit einer französischen Photografin. „Nächtliches Indien“ flaniert, als sei der Weg durch die Grenzerfahrung eine heitere Odyssee.

Wenn Indien der Schauplatz ist, der den Film hält, dann ist der Schauspieler Jean-Hugues Anglade der Mann, der den Film trägt. Für die Hauptrolle in „L’Homme Blessé“ („Der verführte Mann“) entdeckte ihn Patrice Chéreau, Luc Besson brachte ihn in „Subway“ und „Nikita“ zur Geltung. Anglade bringt das Kunststück fertig, im subtropischen Klima nicht nur mit faltenlosem Hemd, sondern auch seelisch aufgebügelt zu erscheinen. Er perfektioniert den Ausdruck der Beiläufigkeit, die hart an Desinteresse grenzt. Er hört zu, ist aber nie ganz auf ein Gegenüber gerichtet. Womöglich ist er woanders. Vergeistigung, angebracht in Indien, und Verlegenheit, fehl am Platz, durchkreuzen seine Züge. Friedlich führt dieser Schauspieler verschiedene Temperamente vor. Man stelle sich vor, Gérard Philipe studierte mit Robert de Niro das Tagebuch eines Landpfarrers und löschte dann lässig die Askese mit einer Geste vom Gesicht.