Was eigentlich ist Berliner Zeichenkunst Ist es wahr, daß sie stark wirklichkeitsorientiert ist, vielfach sachlich, gelegentlich mit humorvollem Einschlag? So jedenfalls lautet die Arbeitsthese einer kleinen Ausstellung von etwa 150 Zeichnungen aus dem Besitz des Berlin Museums, das, 1962 nach dem Mauerbau gegründet, 28 Jahre lang seinen Sammlungsauftrag für den westlichen Teil der Stadt wahrgenommen hat. Kurz bevor auch dieses Museum sich mit dem Doppelgänger auf der anderen Seite, dem Märkischen Museum, wiedervereinigte und fortan zu einem Landesmuseum für Kultur und Geschichte zusammenwachsen soll, ist es gelungen, einen Bestandskatalog aller Zeichnungen aus seinem Besitz anzufertigen. Dieses verdienstvolle Unternehmen, weniger auf eine Ausstellungsattraktion hin orientiert als auf die solide wissenschaftliche Bearbeitung des Bestandes, gibt gleichwohl eine kleine Übersicht über herausragende Beispiele aus der Sammlung. Nicht vom Katalog zur Ausstellung ist hier also die Rede, sondern von der Ausstellung zum Katalog.

Wirklichkeitsorientiert ist die Berliner Zeichenkunst von Anfang an. Und dieser Anfang ist dort zu suchen, wo aus der vorwiegend von französischen und holländischen Importen bestimmten preußischen Hofkunst eine Berliner Schule wurde. Viele sehen diesen Anfang am Ende der napoleonischen Ära, als das erwachende deutsche Nationalgefühl auch die lokale Berliner Kunst stimulierte. Andere dagegen sehen in dem Zeichner und Radierer Daniel Chodowiecki bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts den Begründer einer Berliner Zeichenkunst. Gute Gründe gibt es für beide Thesen.

Ob es nun wirklich ein Kennzeichen der Berliner Kunst ist, daß sie viel weniger in Irrationalismen flüchtete als die Kunst andernorts, daß sie trotz preußischer Monarchie im Grunde bürgerlich war, bleibe dahingestellt. Sicher aber ist, daß bereits Chodowieckis kleine Szenen vom aufgeklärten Bürgerglück und sein verehrungsvoller Blick auf den großen Friedrich zu Pferde ebenso unprätentiös sind wie die Serie von Portraits und Selbstbildnissen Berliner Künstler aus dem 19. Jahrhundert, deren sachliche Wiedergabe des Sichtbaren jede allegorische Attitüde des genialen Künstlers wie von selbst verbot.

Vom Rokoko über Klassizismus, Biedermeier und Realismus bis zur Sezession und damit dem Beginn der Moderne um 1900 gibt es, das zeigt die Ausstellung deutlich, wirklich so etwas wie eine Berliner Schule der Zeichenkunst. Es ist die Abschilderung des sich ohne großen Pomp vollziehenden Lebens zu Hause und auf der Straße – die Wiedergabe einer eher spröden, zeitweise romantischen, aber nie spektakulären oder heroischen Landschaftskunst, die Abbildung von Zeitgenossen in ihrem Ambiente. Es ist Berliner Genre-, Landschafts- und Portraitkunst also, die Menzels Motto, alles Zeichnen sei nützlich und ales zeichnen auch, unter Beweis stellt. Herausragend sind neben Zeichnungen von Gottfried Schaiow die Blätter Adolf Menzels, dessen sachlich notierende Zeitzeugenschaft ihm andererseits auch wieder Stoff für seine Historienstücke aus dem Leben Friedrichs des Großen bot. Die beiden Pastelle von Friedrich und seiner Schwester Amalie sind Höhepunkte der Ausstellung und noch ein bißchen mehr. Aber auch die Menzel nachfolgenden Maler und Zeichner wie Franz Skarbina, Anton von Werner, Lesser Ury, Walter Leistikow bis hin zu Max Liebermann bleiben dem realistischen, auf Notierung der Umwelt angelegten Konzept verpflichtet. Ob dies nun als Berliner Spezifikum zu gelten hat, ist vielleicht gar nicht einmal so wichtig. Viel interessanter dagegen ist die Beobachtung, daß die meisten Zeichnungen wenig von akademischen Doktrinen geprägt sind und sich möglicherweise von daher eine unmittelbare und wirklichkeitsorientierte Wirkung erklärt. (Bis zum 13. Januar 1991 im Kunstforum in der Grundkreditbank, Budapester Straße 35; vom 17. Mai bis zum 30. Juni 1991 im Staatlichen Museum in Schwerin; Bestandskatalog an der Museumskasse 59 Mark) Barbara Gaehtgens