Egon Bahr hat über Deutschland nachgedacht, seit er Politik macht. Während Europa auf ewig geteilt schien, formulierte er jene dialektische Doppelstrategie, die am Ende zum Erfolg beitrug: Die Teilung anerkennen, um sie zu überwinden – „Wandel durch Annäherung“. Auf dem Wege dorthin hat Bahr – in einer politischen Karriere, in der er Planer der Ostpolitik Willy Brandts, Entwicklungsminister unter Helmut Schmidt, Bundesgeschäftsführer der SPD und schließlich Abrüstungsexperte seiner Partei war – Umwege und gelegentlich auch Holzwege nicht gescheut. Stets hat Bahr gefürchtet, im Status quo steckenzubleiben. Auch wenn er gerne so formuiert, als wisse er schon alle Antworten, war er sich der Fragezeichen dahinter immer bewußt.

Der erste gesamtdeutsche Bundestag wird ohne Egon Bahr auskommen müssen; der 68jährige, der ohnehin nie an Ämtern klebte, hat Jüngeren Platz gemacht. Aber seine Stimme wird auch künftig Beachtung finden. In dieser und in den folgenden Ausgaben druckt die ZEIT – leicht gekürzt – den Text einer Rede ab, die Egon Bahr am 4. Novem-Der in Berlin gehalten hat. Sie wird in seinem neuen Buch erscheinen, das der Hanser Verag, München, im März 1991 unter dem Titel „Sicherheit für und vor Deutschland“ herausbringt.