Von Fredy Gsteiger

In der olivgrünen Armeeuniform wirkt Iraks Außenminister ein bißchen lächerlich. Für den Kampfanzug ist Tarek Asis etwas zu rundlich, sieht er zu zivil, zu intellektuell aus. Dennoch ist der 54jährige, der in wenigen Tagen mit seinem amerikanischen Amtskollegen James Baker und mit Präsident George Bush zusammentreffen soll, durchaus ein Kämpfer. Seine Arena ist nur nicht die Feldschlacht, sondern der Nervenkrieg.

In seinem Bagdader Büro biegen sich die Regale unter den Werken angelsächsischer Autoren. Gelesen hat er die meisten, das beweisen seine gewandte Rede und sein beeindruckend breites Wissen in Politik, Wirtschaft, Geschichte und Kultur. Doch beherzigt hat er die Ideale der britischen Klassiker nicht. Auch das Anglistik-Studium an der Akademie der schönen Künste in der irakischen Hauptstadt hat ihn weniger geprägt als später die grobe Schule der nationalistischen Baath-Partei.

Äußerlich ist Asis ein Gentleman. Die zum Markenzeichen gewordenen kubanischen Zigarren verraten seinen Sinn für das gute Leben, dem sich auch sein Meister Saddam Hussein – ungeachtet des martialischen Images und der Aufrufe an die Untertanen, den Gürtel enger zu schnallen – gerne hingibt. Asis, der "smarte Diener", "das menschliche Antlitz von Saddams Ambitionen", ist der Vorzeigepolitiker innerhalb der ansonsten nicht eben präsentablen Bagdader Nomenklatura. Als nach dem Ende des Kriegs gegen den Iran das Solidaritätsgebot entfiel, wie die Soldaten an der Front Armeegrün zu tragen, war Asis der erste, der wieder elegante dunkle Anzüge trug.

Das silbergraue Haar, die hinter dicken Brillengläsern verborgenen Augen und die ruhige Stimme täuschen Milde vor. Und seit durchgesickert ist, daß sich Saddams Getreuer über gewagte politische Witze zu amüsieren vermag, reißen Vergleiche mit Groucho Marx nicht mehr ab. Mit einem Komiker hat Asis freilich wenig Ähnlichkeit. Auch die eigenen Witze sind eher bissig als lustig: "Selbst wenn wir eine Schachtel Pralinen in Großbritannien kaufen, heißt es gleich, wir wollten daraus eine Atombombe bauen", kokettierte er in einem Interview mit dem schlechten Ruf seines Regimes. Der führende Ideologe in Bagdad verfolgt seine Ziele ebenso hartnäckig wie unbarmherzig. Von Saddam Hussein weicht er zwar im Stil, nie aber in der Substanz ab.

Doch seine zur Schau gestellte gute Laune, der lockere Umgangston, den er mit Journalisten pflegt, das sichtliche Vergnügen, das ihm öffentliche Auftritte selbst in gespannten Situationen bereiten, vor allem aber die Tatsache, daß er als Christ einer kleinen Minderheit im Irak angehört, verleiten leicht zu einem falschen Urteil. In der weichen Schale steckt ein harter Kern. Das haben jene Beobachter übersehen, die glaubten, Saddam selbst oder dessen Handlanger hätten Asis umgebracht, als er nach dem Raubzug gegen Kuwait einige Tage lang nicht in der Öffentlichkeit auftrat. Differenzen in der Führungsriege meinten einige auszumachen; die "Taube Asis", mutmaßten sie, sei von den Falken zerfetzt worden.

Wie wenig Tarek Asis’ poliertes Gehabe für die Fernsehkameras mit seiner politischen Haltung übereinstimmt, verriet er in manchen Äußerungen. Als vor zwanzig Jahren auf dem Platz der Republik in Bagdad sechzehn der Spionage bezichtigte Iraker – darunter zehn Juden – öffentlich hingerichtet wurden, schwärmte Asis in der Parteizeitung Al Thawra: "Die Revolution hat sich zum Ziel gesetzt, Spionageringe ohne Erbarmen auszulöschen. Es wäre irrig anzunehmen, die Hunderttausende, die herbeieilten, um die Körper baumeln zu sehen, seien Barbaren und Primitivlinge. Das Ereignis sollte vielmehr Vertrauen schaffen." Tarek Asis, der seinem Stil gemäß eine filigrane Pistole mit Elfenbeingriff besitzt, ermordete zwar, anders als Saddam, keinen Feind persönlich. Aber ihm fehlten doch nie die Worte, Grausamkeiten zu rechtfertigen. An seinen Fingern mag kein Blut kleben, an seiner Feder schon.