Von Helga Hirsch

Warschau, im Dezember

Zum Schluß ging alles fast so aus, wie es sich Lech Walesa vorgestellt hatte. Mit nahezu drei Vierteln der abgegebenen Stimmen ist der Elektriker aus Danzig als erster Präsident der Republik Polen aus allgemeinen und freien Wahlen hervorgegangen. Zwar erreichte er nicht ganz das selbstgesteckte Traumziel von achtzig Prozent, und auch nur gut die Hälfte aller Berechtigten hatte sich überhaupt noch zur Stichwahl am vergangenen Sonntag aufgemacht. Doch dem Arbeiterführer genügte das Ergebnis, um sich, von den Hochrufen hunderter Anhänger am Danziger Hauptsitz der Solidarnosc-Gewerkschaft begrüßt, nach am Wahlabend zum "Präsidenten aller Polen" zu erklären. Ist nun wieder alles im Lot auf dem polnischen Weg zur Demokratie? War der Einzug des zugereisten Exilpolen Stanislaw Tyminski in die Endrunde der Präsidentschaftswahlen nur ein "Zufall", wie Walesa meinte?

Nach den Wahlen ist in Polen nichts mehr wie früher. Walesa hat gewonnen, gewiß. Doch unter dem Schock des Erfolgs von Tyminski in der ersten Runde verwandelte sich der Rundumschläge verteilende und die Mazowiecki-Regierung maßlos attackierende Haudegen aus Danzig in einen kompromißbereiten, auf Ausgleich bedachten Landesviter. Walesa nahm seine Angriffe auf den Ministerpräsidenten weitgehend zurück: Keine andere Regierung hätte es in dieser Phase besser machen können, räumte er jetzt ein. Und er stellte sich noch entschiedener als zuvor hinter die Grundzige des Wirtschaftsprogramms von Finanzminister Balcerowicz. Die Mazowiecki-Anhänger trugen der Wandlung des Kandidaten und den politischen Notwendigkeiten Rechnung und gaben zu über neunzig Prozent ihre Stimme für Walesa ab. Gegen Tyminski fand sich das Solidarność-Lager noch einmal zusammen; die hochgespielten persönlichen Animositäten wurden auf ihren sachlichen Kern zurückgeführt.

Tyminski wirkte wie Lackmuspapier. Seine Person mochte austauschbar sein, aber das Phänomen war sicher kein Zufall. Er ließ alle jene gesellschaftlichen Gruppen sichtbar werden, die sich vom Solidarnosc-Lager nicht repräsentiert fühlen, die enttäuscht, wütend, bitter den Verfall des Landes beobachten. Sie sind – wie die hiesige Presse immer unterstrich – "frustriert"; aber es wäre ungerecht, sie deshalb als rückständig, beschränkt und dumpf zu bezeichnen. Unter den Tyminski-Anhängern befürworten weit mehr das Recht zur Schwangerschaftsunterbrechung und eine weniger gewichtige Rolle der katholischen Kirche im Staat als unter den Walesa-Wählern. Zugleich sind sie jedoch rigoristisch und wünschen sich eine starke Hand an der Spitze des Landes. Die meisten sind jünger als 25 Jahre, männlichen Geschlechts, haben eine Facharbeiterausbildung und leben in der Kleinstadt oder auf dem Land. Sie sind zu jung, um sich an die Erniedrigung in den finsteren Zeiten kommunistischer Diktatur zu erinnern. Dafür spüren sie um so deutlicher, daß ihnen die neue Freiheit keine Zukunft bietet. Der verheißungsvolle Westen ist näher gerückt, die importierten Waren stehen inzwischen in den Regalen selbst der Kreisstadtläden oder hängen in teuren Warschauer Boutiquen. Aber wer kann die Westpreise bezahlen, wo doch die polnischen Löhne nahezu eingefroren sind?

Elias Canetti hat einmal die fatalen Folgen der Inflation für das Selbstwertgefühl einer Nation beschrieben. Jeder hat jetzt die Millionen, von denen er sein Leben lang träumte. Doch das Geld ist nichts mehr wert, es reicht nicht einmal von einem Monat zum nächsten. "Der einzelne fühlt sich entwertet", schrieb Canetti, "weil die Werteinheit, auf die er sich verließ, ins Rutschen geraten ist." Die Folgen können verheerend sein: "Wenn die Millionen in die Höhe klettern, wird ein ganzes Volk, das aus Millionen besteht, zu nichts."

Die Wirtschaftskrise hat die stolze polnische Nation zu einem Volk der Händler, Schwarzarbeiter und Emigranten werden lassen. Tyminski, der wie kein anderer das Geld zum Bezugspunkt seiner Wahlkampagne machte, hat offenbar instinktiv gespürt, wie der in Aussicht gestellte harte Dollar den erniedrigten Landsleuten das Selbstwertgefühl zurückgeben kann. Sie wollen mit ihren Zlotys nicht zu Parasiten der reichen Nationen werden – zu halblegalen oder illegalen Aktionen gezwungen, zu niedrig bezahlter Arbeit verurteilt oder auf milde Gaben angewiesen.