Von Manfred Osten

Von Robert Schumann stammt das vorsichtige Wort: "Von Sängern und Sängerinnen läßt sich Manches lernen, doch glaube ich ihnen auch nicht Alles." Daß sich von Dietrich Fischer-Dieskau, dem Professor an der Hochschule der Künste in Berlin manches lernen läßt, wurde ihm vor wenigen Monaten – anläßlich seines 65. Geburtstages – bereitwillig konzediert. Läßt sich das auch über den Buchautor (mit Werken unter anderem über Schubert, Schumann, Wagner und Nietzsche) sagen?

Die von Literaturinteressierten so lebhaft applaudierte deutsche Fassung des Briefwechsels zwischen Flaubert und Turgenjew brachte es an den Tag: Weitaus heftiger als seinen asketischen, eifersüchtigen Freund Flaubert hat der Weltmann Turgenjew offenbar die Mezzosopranistin (und größte Gesangspädagogin ihrer Zeit) Pauline Viardot-Garcia geliebt. Immerhin war Turgenjew, wie er einmal versicherte, jederzeit bereit, für die Angebetete "auf ihren Befehl hin auf dem Dach zu tanzen, nackt, mit gelber Farbe angestrichen".

Fischer-Dieskau ist dieser Begeisterung für seine frühe Kollegin nachgegangen: neugierig, entdeckungsfreudig und mit spürbarem Enthusiasmus. Das Ergebnis ist eine weitausgreifende kulturgeschichtliche Studie in der sich Sachkenntnis mit einem scheinbar mühelosen Parlando-Ton verschränkt.

Die Fülle des Faktenmaterials wird in seinem Buch "Wenn Musik der Liebe Nahrung ist" wie nebenbei entfaltet und bewahrt zugleich die biographischen Abrisse vor Geschwätzigkeit und Spekulation auf Kosten der beschriebenen Hauptakteure. Dazu zählt das 1775 in Sevilla geborene Multitalent Manuel del Popolo Vizente Garcia – ruhmvoller Sänger, Komponist, Wegbereiter der Kunst Rossinis und Impresario in einer Person. Dazu zählen vor allem aber seine drei noch ruhmvolleren (und von ihm musikalisch gründlich ausgebildeten) Wunderkinder: Manuel, Maria und Pauline.

Mit dem hundertsten Geburtstag des Garcia-Sohnes, des Sängers, Gesangspädagogen und Erfinders des Kehlkopfspiegels, Manuel Patricio Rodriguez Garcia am 17. März 1905 im Londoner Civic Hotel, eröffnet Fischer-Dieskau Rück- und Ausblick auf die Garcia-Epoche. Deren Hauptsonnen bilden die Töchter: Maria Felicia und Pauline Michelle-Ferdinande. Während die vielseitig begabte Maria (die berühmte Malibran), eine der größten Sängerinnen aller Zeiten – gerühmt von Liszt, Mendelssohn und Heine – bereits 1838, im Alter von 28 Jahren, an den Folgen eines Reitunfalls stirbt, lebte Pauline lange genug (von 1828 bis 1910), um ihren Namen in fast allen bedeutenden Erinnerungen des Jahrhunderts aufscheinen zu lassen. Fischer-Dieskau läßt diese Erinnerungen ausgiebig Revue passieren; was irgend Rang und Namen hatte, drängte zu Paulines berühmten "Donnerstagen" auf Schloß Courtavenel und späteren Sonntagsmatineen in Baden-Baden: das deutsche Kaiserpaar, Bimarck, Dostojewskij, Brahms, Clara Schumann, Storm, während sie in Frankreich mit George Sand, Chopin, Musset, Gounod, Flaubert, Renan, Maupassant, Herzen, Michelet, Doré, Delacroix – um nur einige Namen zu nennen – befreundet war. Schumann widmete ihr 1840 den Heine-Zyklus opus 24.

Fischer-Dieskau zeigt dieses Geflecht unzähliger Bezüge und Beziehungen vor dem Hintergrund einer Biographie, die alle Merkmale des Außergewöhnlichen trägt: Als Sängerin erreicht Pauline fast ihre Schwester, als Pädagogin übertrifft sie Vater und Bruder. Als Wunderkind gerühmt, lernt sie spielend sieben Sprachen, begleitet als Achtjährige ihren Vater am Klavier und studiert Komposition bei Anton Reicha. Franz Liszt, ihr Klavierlehrer, rühmt ihre hohe pianistische Begabung und hält sie für eine der feinsinnigsten und geistvollsten Komponistinnen. Hohe Verehrung zollt ihr Felix Mendelssohn Bartholdy. Schon mit achtzehn Jahren debütiert sie in London als Desdemona in Rossinis "Otello". Der Direktor des Pariser Theatre Italien, Viardot, hört sie in London, heiratet sie 1840, gibt seinen Posten auf und wird ihr Impresario; 1843 lernt sie in St. Petersburg Turgenjew kennen, dessen Leben dann durch vier Jahrzehnte hindurch ganz unter ihrem Einfluß verlaufen wird.