Schneit’s oder schneit’s nicht? Das ist die Frage. Wenn’s zum dritten Mal hintereinander wieder nichts wird mit dem Weiß, dann brechen harte Zeiten an. Erinnern wir uns doch nur an letztes Jahr.

Ankunft Samstag nachmittag; abends: Treffen alter Stammgäste an der Bar. Fragen nach fehlendem Schnee werden vom Personal routiniert abgewimmelt: Der Wind drehe, heute nacht schneie es bestimmt.

Sonntag: Ein neu eingeführtes „Langschläferfrühstück“ erleichtert vormittäglichen Skiverzicht. Bei Tisch wird beiläufig eine Broschüre verteilt. Ein Professor Munske räsoniert über streßbedingte Anpassungsstörungen bei Höhenluft und rät zu einer mindestens zweitägigen sportfreien Anpassungsphase. Ein idealer Grund, einen ausgedehnten Mittagsschlaf zu halten, da man heuer eh noch nicht gut drauf ist. Das Buchen von Tennishalle und Massageterminen leitet nahtlos zur happy hour über. So ist der erste Tag gut über die Runden gebracht. Der Portier interpretiert die rege Flugtätigkeit der Dohlen als sicheres Indiz für „dreißig Zentimeter Pulver heut’ auf d’ Nacht!“ Angesichts dieser frohen Botschaft steigt der Konsum von Wodka Feige bedenklich. Der nächste Vormittag ist damit automatisch skifrei.

Rührenderweise wird vom Seniorchef am Nachmittag eine kostenlose Führung durch die neue Gemeindekläranlage angeboten. Der Wind steht günstig. Die anschließende Brettljause schmeckt vorzüglich, dann wird direttissimo die neue Disco aufgemischt. Das wiederum haut dem Flachländer so ins Knie, daß Skilauf für Dienstag völlig ausgeschlossen ist.

Willi, ein erfahrener Gastwirt aus dem Süddeutschen, weiß zu berichten, daß nächtliches Ausgehen mehr Kilojoule verbrennt als ein Tag im la-Skikurs. Das beruhigt. Zumal die Seniorchefin aufgrund eines Rheumaanfalls Schnee signalisiert. So gilt denn der Mittwoch dem Auskurieren des Discofiebers: Eine Urkunde über den vierten Platz beim Limbo-Wettbewerb erklärt nie gekannten Muskelkater. Sauna, Dampfbad und Massagen schinden Zeit und wirken Wunder. Danach ist man echt fit für den traditionellen Hüttenabend – und reichlich Glühwein. Die hinreißenden Jodler der Hotelburschen werden nur noch durch das Dirndl-Dekollete der Kellnerin Maria überboten. Dieses führt zu einem größeren Zerwürfnis mit der Gattin, was zur trotzigen Folge hat, daß der Glühwein noch schneller reinläuft.

Eine weiterer Grund, Donnerstag nicht auf die Piste zu gehen, war ein unschöner Sturz unter eine Schweizer Schnellreinigungsbesitzerin bei einer Polkadiagonale. Im Wartezimmer des Arztes entwickelt sich dann unter den anwesenden Invaliden ein zünftiger Schafskopf. Übrigens hatte Oberkellner Josef ob seiner Ischiasschmerzen Föhn und Naßschnee prophezeit. Am Mittag Besuch des Heimatmuseums (zwei Paar Holzski, fünf alte Stiche und eine Goldmedaille der Bäckerstochter) – dann geht es zum candlelight-Dinner auf der Mittelstation. Krönender Abschluß ist die Seilbahntalfahrt mit zwei brennenden Pechfackeln.

Freitag früh ist guter Rat teuer, denn das Hotel bietet in steter Ermangelung von Schnee ein Unterhaltungsfeuerwerk an: Jankerstricken mit Kellnerin Maria, Fladenbrotbacken in der Hotelküche, indoor-Golfturnier um den silbernen Schneekristall oder Diskussionsrunde mit dem Ortspastor über „die christliche Sicht der Alpenerschließung im Lichte des 25. Konzils“. Ich entscheide mich für den Liegestuhl mit Gin-Fizz auf der Terrasse.

Wohlig lasse ich die Woche Revue passieren und stelle fest: ein gelungener Urlaub. Kein Skikursstreß, kein Schlangestehen, keine Knieschmerzen, keine Frustrationen ob nachlassenden Könnens. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich das Skilaufen gar nicht vermißt. Hoffentlich schneit’s heuer wieder nicht! Steffen Köpf