Also wissen Sie“, sagt der Herr in hessischer Mundart und senkt geheimnisvoll die Stimme, „das ist einfach Weltwissenschaft. Darum haben wir mehr als 200 Veröffentlichungen.“ Doch bei der Frage nach klinischen Studien, die die Wirksamkeit des Mittels Recancostat bei Krebspatienten belegen, weicht der Mitarbeiter der Frankfurter TDL-Pharma aus und verweist auf den „weltweit bekannten Dr. Ohlenschläger, Biochemiker an der Frankfurter Universitätsklinik, der das Prinzip entdeckt hat“. Doch dieser arbeitet an einem theoretischen Institut und will über klinische Studien keine Auskunft geben.

Beim Bundesgesundheitsamt (BGA) ist das Mittel weder bekannt, noch wurde der Beginn einer Studie angezeigt. Dennoch teilt ein leitender Herr der Firma fröhlich mit, daß schon mindestens 500 Patienten behandelt worden seien, bei denen das Mittel „tolle Wirkungen“ gezeigt habe. Doch Beweise gibt es dafür nicht, auch nicht in der 200 Zitate umfassenden, eher dubiosen denn wissenschaftlichen Veröffentlichungsliste, die der freundliche Herr zufaxt. Nein, eine Zulassung des BGA für das Produkt habe man nicht. Es würde ja schließlich acht bis zehn Jahre dauern und viel Geld kosten, bis das Amt eine Zulassung erteile, und so lange wolle man nicht warten. Schließlich dürfe man das tolle Mittel den Patienten nicht vorenthalten.

In der Tat dauert die Entwicklung eines Arzneimittels mittlerweile mindestens zehn Jahre, angefangen von Reagenzglas-Tests über Tierversuche bis hin zu klinischen Prüfungen an Patienten. Die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Pharmaka muß sorgfältig belegt werden, um die Verbraucher vor unwirksamen und gefährlichen Produkten, Quacksalbern und Scharlatanen zu schützen. Und da hat in der Tat die TDL-Pharma schlechte Karten. Zwar wimmelt ihre Werbeschrift über Recancostat – das aus zwei billigen körpereigenen Stoffen, einer Aminosäure und einem einfachen Eiweiß besteht – von Abschriften aus Lehrbüchern, die lange bekannte Eigenschaften dieser Stoffe beschreiben. Doch nirgendwo wird der Beweis angetreten, daß das Mittelchen bei Krebspatienten das hält, was die Werbung verspricht. Dabei kostet eine Monatspackung Recancostat 578,40 Mark plus Steuer, hinzu kommt die Apothekenspanne. Die gleiche Wirkstoffmenge kann man durch eine normale Ernährung aufnehmen, die beispielsweise Milchprodukte, zwei Kartoffeln und ein kleines Stückchen Fleisch enthält.

Mit der Hoffnung und Todesangst von Krebspatienten werden von vielen dubiosen Firmen eiskalt Geschäfte gemacht – die TDL-Pharma ist kein Einzelfall. Da die Krankenkassen die Kosten derartiger Mittel, die vor allem für die Brieftasche der Firmenbesitzer heilsam sind, nicht übernehmen, müssen die Patienten die teure Behandlung selbst finanzieren.

Allerdings: Niemand darf in der Bundesrepublik ein Arzneimittel ohne Zulassung des BGA vertreiben. Man habe aber „eine Sondergenehmigung des Darmstädter Regierungspräsidiums, die Substanz auf Anforderung abzugeben“, behauptet der freundliche Herr. Juristisch ist dies möglich – nur, es stimmt nicht. Das Regierungspräsidium teilte auf Anfrage mit, daß es keine Genehmigung erteilt hat. Die Behörde hat vielmehr – nach Hinweisen aus der Apothekerschaft – mittlerweile der TDL-Pharma untersagt, das Mittel abzugeben. Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen des Verdachts auf „Inverkehrbringen eines nicht zugelassenen Arzneimittels“. Aber TDL-Pharma beschäftigt, wie der leitende Herr stolz berichtet, zwölf Anwälte. B. R.