Sie lebt in einem dreistöckigen Haus in Potsdam, das für Rentner gebaut wurde – ihrer Gehbehinderung wegen im Parterre. „Ich komme!“ ruft sie, lange bevor sie die Tür öffnet. Emma Horning ist 87 Jahre alt, klein von Wuchs. Sie trägt einen lilafarbenen Mohairpullover zum blauen Rock und Hausschuhe an den Füßen. Die weißen Haare sind glatt nach hinten gekämmt. Ihre dunklen Augen strahlen mich an. Sie greift nach meiner Hand, drückt sie. So fasse sie die Leute bei der Hand, wenn sie von ihnen über die Straße geführt werden möchte, sagt sie.

Die Wohnung: Zimmer, Küche, Bad, ist vollgestellt mit Schränken und Tischen. Im Wohnzimmer der obligate Fernseher, eine Glasvitrine, eine Nähmaschine, überall Bilder von Katzen und Hunden. Über dem geblümten Bettsofa hängt der Spruch: „Lerne schweigen, ohne zu platzen“.

Frau Horning spricht mit tiefer, rauchiger Stimme. Daß sie aus Glindow und nicht aus Potsdam stammt, erzählt sie, als sei Glindow auf einem andern Kontinent. Dabei ist es ein Dorf nahe Potsdam. Der Vater war Böttcher. Sie waren drei Kinder. Mit vierzehn wurde sie eingesegnet, hätte gern Schneidern gelernt, mußte aber gleich „in Stellung“. „Als Dienstbolzen“, Emma Horning drückt sich gern drastisch aus, „bei einem Amtsvorsteher in Glindow. Aber der wollte mich immer begrapschen.“ Sie wechselte zu einem Obstzüchter, der im Suff mit Steinen nach seiner Frau warf, arbeitete bei einem Schornsteinfeger in Werder, wo sie Läuse bekam. Besonders gern erinnert sie sich an die Zeit in einer Teppichknüpferei, die einem Juden gehörte: „Das hat so viel Spaß gemacht. Ich habe richtig knüpfen gelernt, das kann ich heute noch.“ Hitler kam. Der Jude emigrierte. Sie war die Arbeit los.

1927 hatte Emma ihren ersten Mann, einen Maurer, geheiratet. Die beiden bauten sich ein Häuschen im nahen Drewitz: „Wir hatten zwei Hunde, Katzen, Hühner, Enten, einen schönen Garten“, schwärmt sie. In der Hitlerzeit wurde sie in einen Betrieb dienstverpflichtet, der Flugzeugteile herstellte. Die Russen kamen: „Ich wurde vergewaltigt.“ Sie war nicht in der Partei gewesen, trotzdem hatte sie Angst, verbrannte ihr Arbeitsbuch, weil darauf das Hakenkreuz gedruckt war. Die dort eingetragene Zeit fehlt ihr heute bei der Rente.

1951 ließ sie sich scheiden. Der Mann hatte eine andere, eine Frau mit fünf Kindern, mit der zog er in ihr gemeinsames Haus. Emma Horning hat keine Kinder. Sie hatte als junges Mädchen eine Fehlgeburt, danach konnte sie keine Kinder mehr haben. Nach der Scheidung wechselte sie in ein Zimmer zur Untermiete, arbeitete bei der Ufa: „Als Besengirl“, lacht sie, „habe die Schauspielergarderoben saubergemacht.“ Dort hat sie ihren zweiten Mann kennengelernt, einen Elektriker, hat 1955 zum zweiten Mal geheiratet. „Aber auch er ging fremd“, sagt sie, und es klingt böse. 1966 ist er gestorben.

Sie wohnte in Potsdam, fuhr zum Saubermachen zu einer Bekannten in Westberlin. Später half sie bei einem Potsdamer Optiker: Mittag kochen, einkaufen, mit dem Hund spazierengehen. Das hat sie gemacht, bis sie achtzig war. Sie zeigt mir den Bankauszug, aus dem ihre Rente abzulesen ist: 535 Mark im Monat inklusive 95 Mark Witwenrente und 40 Mark Pflegegeld. Monatlich werden 49,96 Mark für Miete abgebucht und 27,50 Mark für Strom. Letzten Dezember ist die Rente von 430 auf 535 Mark erhöht worden. Es ist die Mindestrente: „Ich habe meist ohne Papiere gearbeitet.“

Fürs tägliche Essen bezahlt sie 2,50 Mark, fünfmal die Woche, macht gut 50 Mark im Monat. Am Wochenende kocht sie selbst: „Zum Beispiel Kartoffelsalat mit Würstchen oder Bohneneintopf.“ Früher hat es nur eine halbe Mark pro Tag gekostet: „Das war aber auch ein Schweinefraß.“ Jetzt liefert eine westliche Firma.