Gespräche mit Stalin-Opfern

Von Jost Nolte

Stalins Opfer schwiegen bis zu den letzten Tagen des SED-Staates oder jedenfalls bis zu dessen vorletzten Tagen. Was sie in den Gefängnissen und Straflagern der Sowjetunion erlebt hatten, strichen ihnen die Behörden aus dem Lebenslauf, wenn sie in die DDR kamen, und sie hielten sich aus blankem Gehorsam daran, obwohl es ihnen schwerfiel, nie ein Wort darüber zu verlieren. Oder sie schwiegen um der Sache des Sozialismus auf deutschem Boden willen, an der sie unbeirrbar festhalten wollten.

Noch im Mai 1989 weigerte sich Erna K., DDR-Bürgerin und Kommunistin seit Ende der zwanziger Jahre, der Veröffentlichung eines Tonbandgesprächs über ihre Erfahrungen mit dem Stalinismus zuzustimmen. Sie schrieb ihrer Genossin Elfriede Brüning, der sie das Interview gegeben hatte: „Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr bin ich mit der revolutionären Arbeiterbewegung verbunden, und die Ereignisse der letzten Zeit in unserm Land und in andern sozialistischen Ländern erschüttern mich tief. Es wird viel Arbeit für alle aufrichtigen Sozialisten und Kommunisten geben, diese Krise – entgegen den Hoffnungen der kapitalistischen Welt – zu überwinden. In dieser Situation sind die schlimmen Erinnerungen an die Zeit des Stalinismus (...) zwar nicht in meinem persönlichen Leben vergessen, aber heute ohne Bedeutung und brächten nur Verwirrung in die Bevölkerung.“ Bei allem Respekt vor dem schweren Schicksal Erna K.s: Nur ein „persönliches Leben“ und „ohne Bedeutung“? Gewiß nicht. Und darüber hinaus: Was heißt da Aufrichtigkeit und was Verwirrung?

Andere Stalin-Opfer, die ihrem Glauben sowenig abgeschworen haben wie Erna K., haben der Autorin erlaubt, ihre Berichte über die Zeit ihrer Leiden zu drucken, und daß sie es sind, die jetzt reden, macht den Wert des schmalen Buches über das Schicksal der „Lästigen Zeugen“ aus. Ihre Rapporte reichen nicht über das hinaus, was seit Chruschtschows Abrechnung mit Stalin nicht nur im Westen längst bekannt ist, aber es ist das eigene Leben, über das sie sprechen, und indem sie darüber reden, gewinnen sie vor den Augen ihrer Freunde ihre Identität zurück. Und: Womöglich befördern sie damit nun auch unter den Treuesten der Treuen die Einsicht, daß die historische Wahrheit keine Klassenfrage ist.

Vor allem ein Gedanke drängt sich beim Lesen der Berichte immer wieder auf: Diese Menschen wußten nur zu gut, was geschehen war, sie hatten es an Leib und Seele selber erfahren, aber keine Kritik am Gott, der keiner war, erreichte sie. Sie mochten Stalin hassen, aber an „die Sache“ klammerten sie sich. Sie glaubten an sie, weil sie an sie glauben wollten. Die politische Überzeugung als Zwangsvorstellung, der auch das eigene Leben bedingungslos unterworfen ist? Es muß wohl so sein.

Elfriede Brüning hat ihre Protokolle Ende 1989 fertiggestellt. Jetzt laufen sie Gefahr, in den Wirren des ostdeutschen Buchmarktes unterzugehen. Es ist ihnen zu wünschen, daß sie die Leserschaft erreichen, an die sie adressiert sind.