Von Walter Markov

Wer im Nachhall eines soeben erst mit Müh und Not überstandenen Pariser Bicentenaire von Eberhard Weis absurdes Revolutionstheater à la mode erwartet, mag sich schmählich genasführt vorkommen. 1789 hin, 1989 her: eine irritierende Piste.

Der wohltemperierte Wahl-Bajuware, Jahrgang 1925 aus dem muß-preußischen Schmalkalden, kann dafür wahrhaftig nichts. Nach Ausweis einer rühmlich bestückten tabula gratulatoria schlüpfte sein neuestes Buch aus der Haut einer herkömmlichen Festschrift als Gabe zum 65. Geburtstag des Autors im Oktober 1990 bei gleichzeitiger Ankündigung seiner bevorstehenden Emeritierung an der Münchner Universität.

Ergo doch Versuch einer repräsentativen Bilanzierung von Werkstattfleiß? Wenn ja, dann freilich nicht in der Handschrift von Freunden, sondern eher als Dedikation an solche, wennschon nicht nur.

Die beiden Herausgeber haben sich mit dem Jubilar, dessen Schüler sie sind, auf eine Chrestomathie – oder sagt man zeitangepaßter: auf einen Reader – verständigt, dem zum einen eine beträchtliche inhaltliche Spannweite eignet, den zum anderen indessen der notorische rote Faden von Anfang bis zum Ende diskret durchzieht. Als da wäre die Präferenz des Gelehrten für die signifikante Zeitenwende vom 18. zum 19. Jahrhundert in den unterschiedlich grellen Farben Frankreichs und der – viel zu vielen – deutschen Vaterländer mit Bavaria – als Pars pro toto gleichsam – an der Spitze.

Das gewählte Additionsverfahren ist als solches so unumstritten nicht. Nur zu leicht setzt es sich dem Risiko aus, sein Endprodukt zur Buchbindersynthese zu verflachen, mit Wiederholungen zu wuchern, störend zu gewichten. Der vorliegenden Aufsatzsammlung allerdings darf in plausibler Unvoreingenommenheit attestiert werden, daß sie ihre Hausklippen mit dem erforderlichen Geschick und Bedacht umschifft. Daß ein aufgeklärter Modellminister von der Isar möglicherweise etwas arg oft mit Vorsprung auf diesen Seiten aufscheint, wird man dem Forscher, der sich just als dessen Biograph (in zweiter Auflage 1988) einen Namen gemacht hat, ohne Kleinlichkeit nachsehen. Auch wem solcher Montgelas mindere Anteilnahme entlockt, findet sich durch die anregenden Piecen der Auswahl vielfältig entschädigt.

Das beträfe bereits die Behandlung des Einstiegs: die Problematik, auf der in gewisser Weise der gesamte Band aufbaut: die Option für einen der beiden großen Interpretationsstränge des despotisme eclaire. Mündet der eine in die letztlich wesenhafte Unverträglichkeit und Unvereinbarkeit von konsequenter „philosophischer“ Erleuchtung und „spätfeudalem“ Absolutismus, wenn und wo sich beide anschicken, Ernst zu machen, so muß man infolgedessen jedes Experiment zu ihrer An- und Rückkoppelung als von vornherein zum Scheitern verurteilt ansehen: egal, ob als Illusion, Strategie, Mogelei oder individuelles Kinkerlitzchen.