Ein Mann, ein Gen, auf diese Kurzformel läßt sich vermutlich die molekularbiologische Entstehung des Mannes reduzieren. Nach landläufiger Meinung unterscheiden sich Männer und Frauen genetisch durch ein Chromosomenpaar, das beim weiblichen Geschlecht aus zwei identischen (XX), beim männlichen aus zwei verschiedenen (XY) Einheiten besteht. Chromosomen sind fadenförmige Gebilde aus Erbgut (DNA) und enthalten sehr viele Gene. Jedes Gen wiederum birgt die „Bauanleitung“ für ein Eiweißmolekül. Merkwürdigerweise gibt es Menschen, die den männlichen Chromosomensatz XY in sich tragen, aber ein völlig weibliches Erscheinungsbild zeigen. Der Verdacht liegt nahe, daß bei diesen genetischen Zwittern auf dem Y-Chromosom just jenes Gen defekt ist, welches bei der Embryonalentwicklung bestimmt, daß aus dem befruchteten Ei keine Frau, sondern ein Mann entsteht. Wie aus drei Berichten in Nature (Bd. 348/90, S. 448ff.) hervorgeht, ist jenes Gen ein heißer Kandidat, das die Bauanleitung trägt für ein Eiweiß namens TDF (testis = Hoden determinierender Faktor). Wahrscheinlich kodiert ein jüngst isoliertes Gen mit dem Kürzel Sry für das TDF. An Mäuseembryonen ließ sich zeigen, daß Sry nur in der Entwicklungsphase der Hoden „angeschaltet“ ist. HST