Heidenheim

Drinnen fiebern gut tausend Menschen seinem Auftritt entgegen, draußen schreien Hunderte von Demonstranten „Nazis raus, Nazis raus“. Im stickigen Saal atmet die Volksseele tief durch, als Republikaner-Chef Franz Schönhuber die Bühne erklimmt, an der Seite ein strahlender Klaus-Peter Köhler, Landesvorsitzender der Reps in Baden-Württemberg.

Es ist der 17. März 1988. Noch ist das schwäbische Heidenheim, wo sich Schönhuber im Konzerthaus feiern läßt, nicht die Hochburg der neuen Bewegung. Aber die Rechten spüren schon den nahenden Erfolg. Vier Tage später, bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg schafft die Partei gerade ein Prozent, aber im Landkreis Heidenheim aus dem Stand 6,4 Prozent, in der Stadt gar 7,2.

Der ganz große Triumph wird ein Jahr später gefeiert: Bei den Europawahlen im Juni 1989 sind die Republikaner in Heidenheim so stark wie nirgendwo sonst im „Münsterländle“: 19,3 Prozent der Wähler in Heidenheim geben der Schönhuber-Partei ihre Stimme, in der Kreisgemeinde Hausen liegt ihr Anteil bei 39,5. Landeschef Köhler, nach Schönhuber auf Platz zwei der Europaliste, hat seinen Heimvorteil voll ausgespielt: Der gebürtige Sudetendeutsche, seit 1956 in Heidenheim wohnhaft, zieht mit Schönhuber und vier weiteren Republikanern ins Europaparlament in Straßburg ein. Köhler ist Heidenheims erster Europaabgeordneter, er hat hier die Waldorfschule besucht und in Heidenheim nach seiner Lehre zum Industriekaufmann sich für eine Karriere als Kriminalbeamter entschieden. Nun läßt er sich beurlauben und wird Berufspolitiker.

Über Nacht ist Heidenheim in aller Munde und in den Schlagzeilen, und der Oberbürgermeister Martin Hornung findet sich in der ungewohnten Rolle des gefragten Interviewpartners. Rundfunk-, Fernseh- und Zeitungsreporter kommen in die 50 000-Einwohner-Stadt auf der Schwäbischen Alb, die plötzlich als „braune Hochburg“ in der Republik verschrieen ist. Aber auch der Oberbürgermeister weiß keine Erklärung für das „Phänomen“.

In der Industriestadt gibt es weder überdurchschnittlich viele Arbeitslose, noch leben hier mehr Ausländer und Asylbewerber als anderswo, und die Wohnungsnot in Ulm und Stuttgart ist schlimmer. Dennoch machten die Republikaner dies in Heidenheim zum Thema und trugen damit so etwas wie eine andere politische Dimension in die Stadt. Bislang war Politik in Heidenheim nämlich eine kommunale Angelegenheit, die donnerstags stattfand, wenn sich die Stadträte zur Sitzung im Rathaus trafen. Dann ging es um den Zustand des Kanalnetzes, um einen Zuschuß fürs Tierheim oder um den Bau eines Regenüberlaufbeckens. Gestört wurde der Sitzungsdonnerstag nur beim Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“, wenn DKP-Stadtrat Ulrich Haber die Stadtverwaltung mit Anträgen überhäufte.

Drei Monate nach der Europawahl geht’s zur Kommunalwahl. Und wieder widmen sich die Republikaner den ganz großen Themen. Doch diesmal unterläuft ihnen auch der erste Fehler: Unter der Überschrift „Familienpolitik“ fordern sie „bessere Voraussetzungen für kinderreiche Familien“ und bebildern den Wahlprospekt mit einem Photo der luxemburgischen Thronfolgerfamilie. Erbherzog Henri, seine Gemahlin Therese und ihre Kinder stehen ungefragt als Beispiel für die deutsche Familie in akuter Wohnungsnot.