Von Ulrich Horstmann

Sind Bücher tatsächlich klüger als ihre Verfasser? Klüger noch als hochkarätige Erfolgsautoren vom Schlage Michel Tourniers, Träger und inzwischen Juror des Prix Goncourt, ausgezeichnet mit dem Romanpreis der Académie Française, Mitglied der Ehrenlegion, übersetzt in siebzehn europäische und außereuropäische Sprachen? Im vorliegenden Fall gibt es auch nicht die Spur eines Zweifels. Hätte der Autor auf die Stimme eines seiner Charaktere gehört, hätte er das beherzigt, was sich da niederschrieb, wäre ihm dieses voreilige und unfertige Werk, wäre dem Leser sein fader Nachgeschmack erspart geblieben.

"Ein Buch", verkündet ein vor Strafgefangenen lesender Schriftsteller, "entsteht wie ein Möbelstück: durch geduldiges, paßgerechtes Zusammenfügen von Elementen und Teilen. Das braucht Zeit und verlangt Sorgfalt." Wenn diese Beobachtung zutrifft – und wer wollte das leugnen dann erklärt sich "Das Liebesmahl" damit selbst für ungenießbar. Offenbar ist in diesem Band nämlich alles zusammengewürfelt und zusammengestückelt worden, was an Skizzen, Fragmenten, Halbfertigprodukten in den Schreibtischschubladen Tourniers aufzustöbern war. Und selbst die Rahmenerzählung, die das Disparate und Heterogene unter vergeblicher Anrufung Boccaccios und Chaucers der Buntheit und Vielfalt des Lebens anverwandeln soll, besteht nur aus einer Art Vorspann, dessen unbeholfene Bemühtheit schließlich selbst vor einer veritablen Moral von der Geschichte nicht mehr zurückschreckt.

Ein Ehepaar, so die fiktionale Ausgangssituation, hat sich nichts mehr zu sagen und lädt alle Freunde zu einer Party ein, an deren Ende es den Anwesenden zu verkünden gedenkt: "Oudalle und Nadege trennen sich, weil sie sich nicht mehr verstehen. Sie gehen sogar so weit, böse Worte zu wechseln. Danach umgibt sie ein ungutes Schweigen." Demgegenüber kommen die Geladenen noch mühelos ins Parlieren, liefern bis zum Morgengrauen neunzehn Erzählungen ab und – Wunder über Wunder – retten damit die Beziehung ihrer Gastgeber. "Was uns wirklich fehlte", dämmert es den beiden, "war ein Haus aus Worten, um gemeinsam darin zu leben. Unsere Freunde haben uns alle Materialien geliefert." So einfach ist das also: "Literatur als Allheilmittel für Paare in höchster Not" – und Michel Tournier wird nicht einmal rot dabei, wenn er als Vorspeise für sein "Liebesmahl" ein derartiges Gesülze auftischt.

Doch wie steht es mit den Hauptgängen, dem eigentlichen literarischen Menü, das so zauberhafte Wirkungen hervorbringen soll? Kraut und Rüben, mit Verlaub. Eine Proustsche Reise in die Vergangenheit, zwei Kurzkrimis, eine Lolita-Variation, "Afrikanische Abenteuer" inmitten marokkanischer Jünglinge "mit kleinen Gesäßen, hart und fest wie zwei Apfel", eingeschmuggelte Essays und Ideenskizzen, umerzählte Weihnachtsgeschichten und Schöpfungsmythen, eine Commedia dell’arte, Ritterrache im schottischen Hochland. Manches, wie das "Phantomauto", hoffnungslos verunglückt, anderes, wie "Der Bettler vor den Sternen", monströs aus den Fugen und aus dem Gleichgewicht geraten, drittes, wie "Die Legende von der Malerei" oder "Das zweifache Festmahl", von knirschender, konstruierter Paradoxie.

Daß dazwischen auch viel Gekonntes, ja Virtuoses zu finden ist, soll nicht unter den Tisch gekehrt werden. Aber es sind immer nur Brosamen und Appetithäppchen, die dem Leser so auf der Zunge zergehen wie zum Beispiel die Beschreibung des Schulalltags in "Lucie oder Die Frau ohne Schatten". "Was ist denn eine Klasse?" heißt es dort. "Ein großes Tier mit dreißig Köpfen und sechzig Beinen. Ein Ungeheuer, das nie stillsitzt, das Unfug treibt, zappelt, flüstert, scharrt, einschläft, träumt. Und dabei ist es heimtückisch, unberechenbar, anfällig für tausend Einflüsse: Jahreszeit, Unwetter, Sommerhitze, Frost. Wer unterrichtet, fühlt sich von diesem Monster umgeben, bald in zähem Gallen festklebend, bald in einem Säurebad von allen Seiten angegriffen."

Auch "Pyrotechnik oder Das Gedenkfeuer", die Geschichte einer sich über Jahrzehnte hinziehenden Vergeltung, ist nicht ohne solche Glanzlichter, die dieses Buch, das kein sprühendes Ideenfeuerwerk mehr abzubrennen vermag, immerhin noch durchziehen wie das Wetterleuchten einer verlöschenden großen Begabung. Michel Tournier, geboren 1924 in Paris, hat erst mit über vierzig Jahren zu schreiben begonnen, und die Segnungen der Spätentwickler sind ihm von "Freitag oder Im Schöße des Pazifik" (1967) bis zum "Goldtropfen" (1987) in geradezu verschwenderischer Fülle zuteil geworden. "Das Liebesmahl" aber scheint von diesen guten Geistern verlassen. Statt dessen lastet wohl eine arge Verwünschung auf ihm: die Nemesis des Erfolgs, der Fluch des Nicht-mehraufhören-Könnens.