Von Constanze Reuscher

Rom, im Dezember

Für die einen ist er Garibaldi, für andere Martin Luther King, für manche sogar der Heilige Geist: „Er ist herabgekommen in unsere Mitte“, entfuhr es einem jungen Stadtrat aus Sizilien, als Leoluca Orlando im Oktober zu einer Tagung des linken Flügels seiner Partei, der Democrazia Cristiana (DC), in der Toskana erschien. Die italienische Presse hat Orlandos Politik bereits zum „Orlandismo“ erhoben, seine Anhänger tauften sich kurzerhand „Orlandiani“. Das normalerweise nüchtern berichtende Magazin Panorama ließ sich gar zu der Zeile „Das Evangelium des heiligen Leoluca“ hinreißen.

So wird ausgerechnet ein Politiker verklart, der sich selber einer klaren Sprache bedient. Der 42jährige Leoluca Orlando ist Professor für Öffentliches Recht und war bis August fünf Jahre lang Bürgermeister von Palermo. Weil er die Probleme der sizilianischen Hauptstadt – Arbeitslosigkeit, Wasserknappheit, Rauschgifthandel, Bauskandale – an ihrer Wurzel bekämpfte, der Mafia, riskierte er sein Leben und verlor das Amt. Der Partei war er lästig geworden, weil seine Kritik auch Kollegen aus den eigenen Reihen nicht schonte. Viele Christdemokraten, allen voran Italiens Regierungschef Giulio Andreotti, duldeten die Mafia, behauptet Orlando. Als er im Sommer erneut eine Mehrheit im Stadtparlament mit Grünen und Kommunisten suchte, war die Geduld der Parteispitze in Rom erschöpft. Sie manövrierte den „ewigen Rebellen“ aus dem Rathaus, um ihn endlich mundtot zu machen.

Die Ruhe wahrte genau zehn Tage. Am 26. August trat Orlando in Sauris, einem 500-Seelen-Nest bei Udine im äußersten Nordosten Italiens wieder auf und präsentierte einem Kreis von Gleichgesinnten sein Programm – die „Rete“, das Netz. In der Abgeschiedenheit der Berge entwarf er ein politisches Manifest für „eine reale Politik, eine verantwortungsvolle Macht und eine Regierungsperspektive für die Zukunft des Landes“. Drei Monate später trat Orlando erneut in Udine auf. Diesmal waren dreitausend Zuhörer in den Sportpalast gekommen. In einer Gewalttour hetzt er seit Wochen durch Italien. Theatersäle, Schulaulen und Sporthallen sind voll, wenn er spricht. In Catania räumte ein Priester die Kanzel für den Politiker. Aus der Rete ist eine Art nationale Bürgerinitiative geworden, die Kommunisten und Christdemokraten, Sozialisten und Grüne vereint. Hausfrauen, Studenten und Ärzte gehören ihr an, Intellektuelle, Priester und Polizisten. Der Erfolg dieser Initiative zeigt die tiefgehende Unzufriedenheit der Italiener mit der Korruption im politischen System.

Orlandos Kritik ist beißend: „Italien ist das einzige Land mit einer demokratischen Verfassung, in dem fast alle politischen Delikte und Attentate bis heute ungeahndet blieben. Ganze Teile des Landes wurden dem organisierten Verbrechen überlassen, weil die regierenden Politiker und Parteien nur am Machterhalt interessiert sind.“ Schuld daran sind für ihn nicht nur die Christdemokraten um Andreotti und die Sozialisten Bettino Craxis, sondern das gesamte System der partitocrazia, der Parteienherrschaft: „Die Politik muß moralisch von innen heraus erneuert werden. Wir setzen die Verantwortung gegenüber dem Wähler und eine funktionierende Justiz auf unser Programm.“

Reichlich Zündstoff liefern Orlando die Skandale der vergangenen Monate: Aufzeichnungen des ehemaligen Regierungschefs Aldo Moro, der 1978 von den Roten Brigaden entführt und ermordet worden war, kamen im Oktober in einem ehemaligen Versteck der Terroristen ans Tageslicht. Dieser Schlupfwinkel war bereits nach seinem Tod durchsucht worden, ohne daß man damals diese Briefe fand; merkwürdig ist auch, daß es sich um Photokopien handelt. In diesen Briefen klagte Moro, daß die italienische Regierung nicht genug für seine Freilassung unternehme.