Von Helmut Becker

Uns ist die Braut vor dem Altar davongelaufen“, grämte sich Ende November Kenji Mizutani, Vorstandsmitglied der mächtigen Tokai Bank. Er nannte keinen Namen. Aber in Tokio weiß jeder, daß der erhoffte Tokai-Bund wegen einer anderen Großbankenfusion platzte: Kyowa und Saitana werden sich im kommenden April zur Nummer neun der dann noch elf Bank-Giganten in Japan zusammentun. Aufgegeben hat Mizutani deshalb freilich nicht. „Wir bleiben auf Partnersuche“, versicherte er unternehmungslustig.

Das Konzentrations-Karussell wird sich für die japanischen Banken, ohnehin die größten der .Welt, wohl noch schneller drehen.

„Der Trend zu stärkeren Allianzen in unserem Bankensektor hat erst begonnen“, weiß Japans Notenbankgouverneur Yasushi Mieno. Für die vor zwölf Monaten noch als Weltfinanziers gerühmten Japan-Banken läuft es seit Monaten so schlecht, daß ernste Schieflagen bei den Kolossen drohen, die unabsehbare Folgen für die Weltfinanzmärkte haben müßten. „Unsicherheiten über die Qualität ihrer Aktiva belasten die Banken ebenso wie vergleichsweise schwache Erträge“, formulierte die weltweit anerkannte amerikanische Institution Moody’s im November vorsichtig ihre Begründung für die Herabstufung der Bonität – im Fachjargon: Rating – von gleich vier japanischen Großbanken. Seit Jahresbeginn haben die großen Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poors und die englische IBCA den Nimbus fast aller großen Kreditinstitute im Lande abgewertet. Die Folgen der Herabstufung sind kostspielig, denn der Bonitätsverlust verteuert die internationale Refinanzierung wesentlich.

Die Schrammen an der Glanzfassade der weltgrößten Geldhäuser ließen sich in diesem Herbst trotz aller Bilanztricks, von denen japanische Banken weit mehr als ihre westlichen Wettbewerber Gebrauch machen, nur noch dürftig verschleiern. Die Zwischenberichte für die mit September abgeschlossene erste Geschäftsjahreshälfte „gleichen einem Alarmsignal für die Liquidität Japans und möglicherweise der Welt“, sorgte sich die Tageszeitung Mainichi Shimbun. Die zuvor äußerst flüssige Geldpumpe der weltgrößten Gläubigernation erstarre „in einer Eiszeit“. Dabei sind die durchschnittlichen Bruttoertragsrückgänge der zwölf großen Geschäftsbanken um vierzig Prozent gegenüber dem goldenen Herbst 1989 die geringsten Sorgen. Viel schlimmer für das Selbstbewußtsein der Superbanken wirkt der unausweichliche Abschied vom wichtigsten Fetisch des japanischen Bankenkosmos: grenzenloser Größenwuchs.

An Bilanzstatur hat es den Geldhäusern nie gemangelt. Im vergangenen Jahr belegten sie in der Rangliste der weltgrößten Banken die ersten sieben Plätze. Unter den dreißig größten Instituten fanden sich immerhin noch siebzehn japanische, dagegen nur zwei deutsche. Die wirken trotz aller Diskussionen über die Macht der Banken in der Phalanx japanischer Wettbewerber fast wie biederer Mittelstand: In der Bilanzsumme der Dai-ichi Kangyo Bank hätten die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Commerzbank fast gemeinsam Platz.

Noch vor zwölf Monaten schien sich die Creme des japanischen Geldadels anzuschicken, den industriellen Siegeszug des Inselreiches in den Schatten zu stellen. So meldete die in Basel ansässige Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der internationale Kapitalmarkt sei per Ende September 1989 mit einem Anteil japanischer Institute von 40,4 Prozent aller anstehenden Forderungen fest in den Händen der Fernostbankiers. Aber auch auf nationalen Märkten mischten diese bereits kräftig mit. In den Vereinigten Staaten entfielen 12,5 Prozent der Bilanzssumme aller Banken auf japanische Niederlassungen und deren Töchter, in Großbritannien sogar doppelt soviel. Umgekehrt brachten es alle Auslandsbanken in Japan gemeinsam nur auf den kläglichen Marktanteil von 2,5 Prozent.