Lange Zeit konnten sich deutsche Frauen, die nicht den Aids-Risikogruppen angehören, mit der Feststellung beruhigen, die Immunschwächekrankheit ginge sie persönlich wenig an. In der Tat galt das Infektionsrisiko für „Normalbürgerinnen“ als minimal. Muß sich Frau Meier-Durchschnitt künftig wieder mehr vor den HI-Viren fürchten?

Es sieht so aus, wenn man der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glauben schenkt, die zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember über alle Medien die Nachricht streute, daß der Anteil HIV-infizierten Frauen rasant ansteige. Bereits sollen nach WHO-Schätzungen weltweit drei Millionen Frauen infiziert sein. Die Zahl der jährlichen Aidsfälle werde sich, so die Frankfurter Aidsforscherin Helga Rübsamen-Waigmann, im Jahr 2000 jener der Männer angleichen. Im südlichen Afrika soll schon die Hälfte der schätzungsweise fünf Millionen HIV-Positiven Frauen sein. In Europa beträgt ihr Anteil erst knapp zwölf Prozent.

Also ein Problem im fernen Afrika, das uns wenig angeht und Voraussagen über die hiesige Entwicklung nicht zuläßt? Die Beantwortung dieser Frage ist schwer, denn zuverlässige Daten über die Ausbreitung der Infektionen stehen nicht einmal in den Industrieländern zur Verfügung, geschweige denn in Afrika, das offensichtlich am schwersten betroffen ist. Die WHO in Genf hat ländertypische „Infektionsmuster“ gezeichnet. Demnach erfolgt seit Beginn der achtziger Jahre die Ausbreitung der Seuche in Nordamerika, Europa und in der pazifischen Region vorwiegend durch homosexuelle Männer und Fixer. Aus der geringen Anzahl frühkindlicher Aidserkrankungen wird auf einen prozentual sehr geringen Anteil heterosexueller Infektionen geschlossen. Wenige Infektionen stellte jüngst auch eine Studie des Praed Street Projektes bei Londoner Prostituierten fest. Jane Mezzone and Sarah Farrar fanden nur bei drei von 330 Prostituierten positive HIV-Tests. „Die Frauen in der Sexindustrie sind risikobewußt, ohne Kondome läuft nichts bei ihnen“, berichten die beiden Sozialarbeiterinnen.

Völlig anders sieht es im südlichen Afrika, in der Karibik und zum Teil auch in der Aidshochburg New York aus. Dort geht die Epidemie vornehmlich von heterosexuellen Männern aus. Deshalb sind in diesen Ländern immer häufiger Frauen und Mütter die Opfer der Infektion – und in deren Folge auch die Kinder. Frauen sind häufig in dreifacher Hinsicht von der Seuche betroffen, hat kürzlich das Londoner Panos Institut auf einer Tagung festgestellt: nicht nur als direkt Infizierte, sondern auch in der Rolle als Mutter sowie als Partnerin eines HIV-positiven Mannes, der sie angesteckt hat. Sie tragen meist die Hauptlast der Erkrankung. Die schwarze Amerikanerin Sally Perryman hat auf der Panos-Tagung ihre erschütternde Biographie vorgetragen. Sie wurde von ihrem drogenabhängigen Mann infiziert. Bis zum Tod hat sie ihn und ihren gleichfalls HIV-positiven Schwager gepflegt. Daneben mußte sie noch für den Lebensunterhalt und ihre Tochter sorgen. Sie habe nicht die Zeit gehabt, an ihre eigene Gefährdung zu denken. Nun opfert die gelernte Juristin ihre Zeit für die Beratung HIV-infizierten Leidensgenossinnen.

Wie lange bleiben wir hierzulande von solchen Sorgen in großer Zahl verschont? Zwar hat sich der Anteil HIV-positiver Frauen in den letzten fünf Jahren von 8,1 auf 15,8 Prozent fast verdoppelt, aber die Infizierten gehören noch fast ausschließlich den Risikogruppen an. Verhältnismäßig klein ist auch die Zahl (etwa 370) HIV-infizierten Kinder in Deutschland. Für eine Ausbreitung der Aidsseuche wie in Afrika gibt es derzeit keinen Anhalt. Zudem sind unsere sozialen und ökonomischen Bedingungen mit jenen in Afrika nicht vergleichbar; von einer Aidsaufklärung im Süden des Schwarzen Kontinentes kann vielerorts nicht die Rede sein. Darum bemüht sich erst seit wenigen Monaten die Gesellschaft für Frauen und Aids in Afrika (SWAA). Deren Generalsekretärin, die nigerianische Biologin Eka Williams, will ein Netz von Aufklärungs- und Beratungsstellen schaffen, das sich über die Südhälfte des Kontinents erstreckt. Eine gigantische Aufgabe angesichts der erbärmlichen Kommunikationswege.

Vom Erfolg der SWAA, mehr noch von der Verbesserung der öffentlichen Gesundheitsdienste wird es abhängen, ob der Aidsseuche noch Einhalt geboten werden kann. Wenn das nicht gelingt, könnte Aids bald nicht mehr die „Krankheit der anderen“ sein. Hans Harald Bräutigam