Wie ein stumpfer Riesenfinger aus Beton ragt der Turm von St. Fergal’s Church über die Vorortwüste der irischen Küstenstadt Bray. Auf dem großen Platz vor der Kirche geht es lebhaft zu an diesem Dienstag abend. Autos fahren vor, Busse ziehen in langer Reihe heran, Besucher strömen von allen Seiten herbei. Jedoch nicht zur Kirche hinüber bewegt sich die Menge, sondern zum anderen Ende des Platzes, wo, flach und langgestreckt wie eine Scheune, ein grauer Hallenbau liegt. Ein handgemaltes Schild über dem Eingang erklärt den abendlichen Andrang: „Willkommen beim St. Fergal’s Bingo! Heute wieder große Bargeldpreise.“

St. Fergal ist, wie alle Kirchengemeinden in Irland, auf freiwillige Beiträge angewiesen, denn eine Kirchensteuer gibt es nicht. Jim Cantwell, Sprecher der katholischen Kirche, erklärt gewiß nicht zum ersten Mal, daß die Spenden für die vielen Gemeindeaufgaben und Erneuerungsarbeiten nicht ausreichen. „So veranstalten die Kirchen manches, was Geld bringt und den Leuten Spaß macht, Tombolas, Gartenparties, Basare – und eben die beliebten Bingo-Spiele. Wir sind halt nicht so puritanisch.“

Kurz hinter dem Eingang der Halle stockt die Besucherschlange. Aus kleinen Schaltern reichen flinke Hände Losblöcke heraus und nehmen Geldscheine entgegen: drei Pfund, zehn Spiele. Drinnen ist Platz für ein paar hundert Leute. Fast nur Frauen sind da, alte Frauen. Einige haben sich feingemacht, mit rosa Schleifenblusen und frisch gelegten Löckchen, die meisten aber sind ärmlich gekleidet. „Ein völlig: harmloser Zeitvertreib“, meint Cantwell, besonders die Älteren freuen sich über ein bißchen Unterhaltung, und die bekommen sie bei uns.“

Um Punkt halb neun erscheint auf der Bühne ein kräftiger junger Mann im Freizeithemd, der sich als Brendan vorstellt. „Gott segne euch, Leute, willkommen beim St. Fergal’s Bingo“, begrüßt er die Besucher. „Wir werden wieder viel Spaß miteinander haben.“ Dann beginnt das Spiel. Die Glückstrommel läuft, sacht rauschend purzeln im Kasten bunte Bälle durcheinander. Ein Luftstoß wirbelt sie zur Öffnung hoch, wo Brendan sie nacheinander herausnimmt und die Zahlen in einem leiernden Singsang verliest: „Die blinde 50; süße 16; und ganz allein die Nummer 8; zwei kleine Entchen, 22; und 1 und 1, das Langbein 11...“ Im Saal sind alle Köpfe gebeugt. Mäuschenstill sind die Leute. Stifte wandern über die Zettel mit den Zahlenreihen, malen bedächtige Kringel oder ziehen energische Striche. Viele haben gleich zwei Zahlenblöcke nebeneinander auf den Knien liegen und arbeiten angestrengt an beiden gleichzeitig. Brillen verrutschen, graue Haarsträhnen fallen in gerunzelte Stirnen, Zigaretten zittern in Mundwinkeln. Fast alle rauchen unentwegt.

„Check!“ ruft von irgendwo hinten eine dünne Stimme, verstärkt sogleich von einer Gruppe Sitznachbarn. Mit wichtiger Miene und einer Geldtasche über der Schulter ist der Aufseher zur Stelle. Laut wird die Zahlenreihe verglichen. Es stimmt alles, zwanzig Pfund werden der Gewinnerin ausgehändigt. Das Murmeln verebbt.

„Okay, und weiter geht’s“, ruft Brendan munter und wirft die Glückstrommel wieder an.

Nach dem fünften Spiel ist Pause. In einer Ecke am Eingang werden aus Pappkartons Erfrischungsgetränke und Süßigkeiten verkauft. Ein paar Frauen ziehen mit Schnaps gefüllte Milchflaschen aus den Handtaschen. Niemand stört sich daran.