Eines der Erinnerungsphotos, die der amerikanische Präsident von seiner sechstägigen Südamerika-Reise heimgebracht hat, dokumentiert eine diplomatische Panne: Es zeigt das Händeschütteln mit Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet, immer noch amtierender Heereschef im Andenstaat.

Dabei war George Bush mit der Absicht ausgezogen, den demokratischen Regierungen von Brasilien, Uruguay, Argentinien, Chile und Venezuela den Rücken zu stärken. Er wollte für seine im Juni lancierte „Initiative für Amerika“ werben: Bis zur Jahrtausendwende soll eine Freihandelszone den gesamten amerikanischen Kontinent, von Alaska bis Feuerland, umfassen. Ziel ist die Verbesserung der gegenseitigen Handelsbeziehungen, insbesondere die Aufhebung aller Zollschranken.

Weit ist der Präsident damit aber vorläufig nicht gekommen. Zum einen war seine Reise von der Golfkrise überschattet, zum anderen hatte George Bush nicht ausreichend Gastgeschenke eingepackt. Die Reaktionen der südamerikanischen Regierungen und Parlamentarier fielen dementsprechend gedämpft aus.

Brasilien steht mitten in Verhandlungen um Zahlungserleichterungen für seine Außenhandelsschuld von rund 115 Milliarden Dollar. Präsident Fernando Collor de Mello hatte sich vergeblich Schützenhilfe vom Weißen Haus erhofft. Argentiniens Präsident Carlos Menem schätzte sich glücklich, daß der amerikanische Präsident überhaupt nach Buenos Aires kam. Unmittelbar vor dem Besuch konnte ein Aufstand der Carapintadas, der rechtsradikalen Jungtürken um Oberst Mohamed Seneildin, blutig niedergeschlagen werden. Bush lobte Menems „entschiedene und mutige Reaktion“ auf die Rebellion der Militärs. Er pries zudem die „führende Rolle Argentiniens“ bei der Privatisierung von Staatsbetrieben. Das Treffen mit Uruguays Präsident Luis Alberto Lacalle in Montevideo beschränkte sich von vornherein auf einen Phototermin.

Erst in Santiago de Chile konnten konkretere Gespräche mit dem Staatschef stattfinden. George Bush versprach dem verstimmten Präsidenten Patricio Aylwin, endlich jene Handelsbeschränkungen aufzuheben, die noch gegen die Pinochet-Diktatur gerichtet waren. In Caracas schließlich drehten sich die Gespräche gar nicht mehr um lateinamerikanische Probleme, sondern um die internationale Ölversorgung: Präsident Carlos Andres Pérez rechnet sich bereits Chancen aus als künftiger Juniorpartner Washingtons. Seit Ausbruch der Golfkrise hat Venezuela seine Ölförderung um dreißig Prozent gesteigert, um ausfallende Lieferungen aus Kuwait und dem Irak auszugleichen.

Es geschieht nicht häufig, daß sich amerikanische Präsidenten in den „Hinterhof“ der Vereinigten Staaten vorwagen. Bushs Vorgänger Reagan hat sich beispielsweise in Südamerika nie blicken lassen. Doch das Ende des Kalten Krieges, so plant man wohl im Weißen Haus, könnte Nordamerika seinen südlichen Nachbarn wieder näherbringen. Dem europäischen Haus eine amerikanische Hütte entgegenzusetzen – zu diesem Ziel führt allerdings noch ein weiter Weg.

Ein Präzedenzfall könnte Mexiko werden. George Bush und Carlos Salinas de Gortari hatten Mitte November in Monterrey Schritte vereinbart, die zu einer nordamerikanischen Freihandelszone hinführen sollen. Die übrigen Latinos wollen diesen Test erst einmal abwarten. Aber sie schauen nicht untätig zu. Die Staaten am La Plata und jene in den Anden treiben ihre eigenen Pläne von länderübergreifenden Freihandelszonen voran. Anders als noch vor zehn Jahren setzen die meisten Regierungen südlich des Rio Grande heute auf Freihandel und Marktwirtschaft. Offen bleibt allerdings, ob damit der Berg sozialer Probleme kurzfristig abgetragen werden kann.

Südamerika braucht mehr als freundliche Worte des großen Bruders im Norden. George Bush wird nach diesem Besuch noch oft an seine Versprechungen erinnert werden. Carl D. Goerdeler