Von Johannes Groschupf

Prag ist die Stadt der seltsamen Begegnungen. Wenn die Uhr des Altstädter Rathauses die volle Stunde schlägt, kommt der Tod hervor und läutet sein Totenglöckchen. Daneben kräht ein flügelschlagender Hahn, und ein kleiner Türke wackelt mit dem Kopf, um zu warnen, daß die Gefahr einer türkischen Invasion noch nicht vorbei sei. Doch die Prager schreckt das Männchen nicht mehr. Sie haben mittlerweile ganz andere Belagerungen durchgestanden. Und nun, ein Jahr nach der sanften Revolution, gehen sie in einer eigentümlichen Ruhe über den Altstädter Ring und ihren Geschäften nach.

Sie haben es nicht so eilig wie die Touristen, die sich vor den Sehenswürdigkeiten der vielgepriesenen Goldenen Stadt tummeln. Nein, die Prager wandern in aller Seelenruhe durch die Straßen und hängen ihren Gedanken nach, die so versponnen sind wie die Geschichte dieser Stadt. Über lange Jahre ein vergessener Ort, beginnt sich die rätselhafte Stadt in der Mitte Europas nun wieder zu regen. Und in der Dämmerung des tschechischen Winters scheint es, daß nun auch all die Legenden und Sagen, die Geister und Gespenster wieder erwachen, die Prag in seiner langen Geschichte hervorgebracht hat.

Am Wenzelsplatz, wo immer noch Kerzen flackern zum Gedenken an die Widerstandskämpfer der letzten Jahrzehnte, trat ein Mann aus einer Menschenmenge und winkte mir zu. Als ich genauer hinsah, mochte ich kaum meinen Augen trauen. Der kleine Herr dort hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Egon Erwin Kisch, dem umtriebigen Prager Kind. Es war ein ganz gewohnlicher Samstag abend, einige Taxis schoben sich durch die Dämmerung, vor den Discos sammelten sich die Jugendlichen, Zeitungsverkäufer froren an den Straßenecken, und die meisten Leute waren unterwegs in die nächste Kneipe.

Und dort stand er, in einiger Entfernung, das Jackett ein wenig altmodisch und abgetragen, den Hut ins Genick geschoben, eine Zigarette im Mundwinkel. Kein Zweifel, Kisch war unternehmungslustig. Niemand außer mir nahm Notiz von ihm. Vermutlich haben sich die Prager an solche Erscheinungen gewöhnt. Seit jeher war ihre Stadt eine der Schwärmer und Mystiker, der Alchimisten und Magier, der Geisterbeschwörer und Hellseher. Tycho Brahe und Kepler sahen von hier aus in die Sterne, ehrwürdige Meister wie Faust und Rabbi Low wirkten ihre Wunder, und eine Unzahl von Scharlatanen, Wunderheilern und Windbeuteln versuchte sich in dieser Stadt an der Zubereitung von Gold und ewigem Leben.

Ein Geist mehr oder weniger mag da nicht auffallen, und so stand Kisch, in seiner Heimatstadt kurzerhand Egonek genannt, in aller Munterkeit vor mir. Warum auch nicht. Schließlich war er selbst eines Tages ins Dachgestühl der Altneu-Synagoge gestiegen, um die Überreste des legendären Golems ausfindig zu machen. In jener Gruft „hinter der stöhnenden Eisentür“ fand er zwar nichts als Fledermäuse, das Gerippe eines Vogels und ein Kaminrohr, aber er stöberte eine Legende auf, die die Jahrhunderte unbeschadet überdauert hatte.

Und so folgte ich, neugierig geworden, dem Winken des kleinen Mannes, der unter einer alten Laterne auf mich wartete. Man trifft nicht alle Tage auf so lebendige Geister. Und Kisch war ein genauer Kenner Prags. Als Lokalreporter trieb er sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ausgiebig in den Prager Gassen und Kaschemmen herum, er lauerte im Polizeipräsidium sensationellen Mordfällen auf. Er brachte die Spionageaffäre um Oberst Redl an die Öffentlichkeit, besuchte das Heim für gefallene Mädchen, das Fundbüro, die Lottoziehung und das Irrenhaus. Er nächtigte, sorgsam verkleidet, im Obdachlosenasyl und reihte sich in die Menschenschlange vor der Volksküche ein. Kurzum, er kannte die Schlupfwinkel und Nachtseiten Prags, die Gesichter und Geschichten der kleinen Leute, der Gauner und Schlawiner, der Trinker und Träumer so gut wie die Geschäfte des offiziellen Prags. Wenn er sich nun auf dem Wenzelsplatz herumtrieb, so mußte er wohl seine Gründe haben.