Von Helmut Schödel

Der Lingotto ist ein Fabrikgelände an der Peripherie Turins. Hier stehen die ersten Hallen der Fiat-Werke, erbaut Anfang der zwanziger Jahre. Auf den Dächern des Lingotto rasten früher Autos über eine Rennbahn, eine Teststrecke, hoch oben, wo es nur noch Himmel und Maschinen gab. Von dieser Dachrennbahn aus sah man keine Menschen und keine Stadt mehr, sondern nur noch Autos und auf der einen Seite (Richtung Frankreich) die Alpen, auf der anderen (Richtung Asti) die piemontesischen Hügel. In diesem frühen Machtzentrum des Agnelli-Clans kam kein Gott mehr aus der Maschine, begann sie sich selbständig zu machen. Lingotto oder Als die Maschinen rasend wurden.

Nächstes Jahr soll der Lingotto, auf dessen Dach jetzt keine Autos mehr fahren, abgerissen werden. Die Autos fahren jetzt sechsspurig durch die Stadt. Turin, wo Nietzsche verrückt wurde und Pavese Selbstmord beging, eine Millionenstadt, erstickt im Abgasgift. Die Agnellis aber wohnen hoch über der Stadt, noch höher als die Rennbahn – auf den Hügeln.

In den letzten Tagen des Lingotto inszenierte Luca Ronconi in einer der Hallen "Die letzten Tage der Menschheit". Hier, wo vor wenigen Wochen noch eine Omnibus-Ausstellung stattfand, liegen jetzt Photokopien der Wiener Neuen Freien Presse, der Ausgabe vom 29. Juli 1914, in der sich der Kaiser an seine Völker wandte: "Es war Mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die Mir durch Gottes Gnade noch beschieden sind, Werken des Friedens zu weihen und Meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren. Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen. Die Umtriebe eines haßerfüllten Gegners zwingen Mich..." Eine Kriegsmaschine wird angeworfen und mit Phrasen betankt. Der Kaiser Franz Joseph klingt wie Präsident Bush.

Und Ronconi spielt Agnelli. Mit Hilfe seines Theaterarchitekten Daniele Spisa baut er in den Lingotto eine Teststrecke für Karl Kraus’ gigantomanisches Lesedrama, das 1914 mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo beginnt: "Gli ultimo giorni dell’ umanità". Sechzig Schauspieler, siebzig Techniker, ein vierstündiger Theaterabend für mehr als sieben Millionen Mark Produktionskosten, ermöglicht mit Unterstützung der Agnellis.

Seit eineinhalb Jahren ist Luca Ronconi Direktor des Teatro Stabile di Torino, des Stadttheaters von Turin, zu dem zwei Bühnen gehören, das Teatro Alfieri und das Teatro Carignano. Ronconi, Jahrgang 1933 und neben seinem Antipoden Giorgio Strehler Italiens prominentester Theaterregisseur, begann als Schauspieler und galt seit seinem ersten Regie-Erfolg mit Middletons "I Lunatici" (auf deutsch "Die Spinner" oder "Die Mondsüchtigen") als Entfesselter, seit seinem Welterfolg mit "Orlando furioso" als Niki Lauda der Theaterkunst. Ronconi läßt die Bühnenmaschine aufheulen und losrasen, ohne Rücksicht auf die Psychologie der Figuren. Bei ihm haben die Versfüße Dunlop-Reifen, ist die Welt eine große Maschinerie, und die Energie, die sie in Schwung bringt, ist, wenn schon nicht blei-, so wenigstens sinnfrei. Ronconi oder Der Gott ist die Maschine.

Ein solcher Mann als Theaterdirektor einer Stadt, in der Fiat seine Autos baut – das konnte nicht ohne Folgen bleiben. Eineinhalb Jahre lang hat er in seinen Theatern brav Stücke inszeniert: "Mirra" von Alfieri, "Besucher" von Botho Strauß und Hofmannsthals "Der Schwierige". Dann überkam ihn abermals der Dämon.