Von Fritz J. Raddatz

Die Liste erlauchter Namen war lang: Umberto Eco und Karlheinz Stockhausen, Friedensreich Hundertwasser und Hans Magnus Enzensberger, Tom Stoppard, George Amado und Graham Greene – doch leider war es die Liste derer, die abgesagt hatten; taktvollerweise las man sie dreißig Minuten lang den Verblüfften vor, die dumm genug gewesen waren, der Einladung zur Gründung des Europäischen Kulturklubs in Prag zu folgen. Sie wurden nicht begrüßt – weder ließ (der Romancier und designierte tschechische Botschafter in Bonn) Jiři Gruša sich blicken, noch gab es einen Zwei-Minuten-Willkommensgruß des miteinladenden Präsidenten Václav Havel; der zog dafür in peinlich-pompöser Weise beim abendlichen Mozart/Dvorak-Konzert im prunkvoll illuminierten spanischen Saal ein – nach zwanzig Minuten Wartezeit durch eine Tür im Hintergrund des Saales schritt der kleine König mit Gefolge, die stehenden Ovationen durchpflügend, ins Tschingderassabum der Prager Philharmoniker hinein. Ein Hofknicks wurde nicht beobachtet.

Da war der erste Tag schon vertan. Statt irgendeiner inhaltlichen Definition, was – neben unzähligen internationalen Kulturorganisationen – dieser EKK denn nun will oder soll, wurden Unterkommissionen gegründet, Statuten verlesen, ein Generalsekretär in Aussicht gestellt, ein Präsident angedroht, ein Redaktionsausschuß und ein Wahlkomitee einberufen. Die Frage nach dem Sinn des Ganzen galt als Four-letter-word. Es sei denn, man war bereit, derlei geschwollene Banalitäten als inhaltliche Bestimmungen gelten zu lassen: "Der EKK will eine solche kulturelle Atmosphäre in Europa schaffen, die die Entstehung unterschiedlicher unabhängiger künstlerischer Haltungen, Werke und ihre allgemeine Zugänglichkeit ermöglicht." Was es also offensichtlich bisher nicht gab. Dafür wußte man: "Es ist die bürgerliche Pflicht des Künstlers, seinen Einfluß auch in der politisch-gesellschaftlichen Sphäre geltend zu machen", oder: "Die Kultur ist eine soziale Verpflichtung der Gesellschaft." Nicht nur hätte man unter derlei Kongreß-Kaderwelsch schwerlich die Unterschriften Flauberts, Musils oder Kafkas je gelesen – auch von den 226 Gästen aus sechzehn europäischen Staaten wußte (mir) kaum einer eine Antwort zu geben, wozu man für diese Phrasen eine mächtige Organisation braucht (die rätselhafterweise bereits vor ihrer Gründung Büros im Palais Pallfy, einem der nobelsten Quartiere Prags, besaß); vom Direktor des Amsterdamer Stedelijk-Museums über einen jungen Pariser Philosophen oder einen dänischen Redakteur zum Lektor des größten jugoslawischen Verlags – alle bestellten ratlos-stumm ihre Wodkas. Nur die auf allen Kongressen so bewundernswert empörte Libuše Monfkovä wies wütend eine die drei Konferenztage hindurch beharrlich nach Sinn und Zweck fragende junge Frau zurecht: Hier ginge es um humanistische Ideale, und die in Frage zu stellen sei verantwortungslos.

Die hartnäckige junge Dame – "Wozu brauchen wir diese neue Kulturbürokratie?" – war übrigens die Tochter von Pavel Kohout.

Der war es, der das einzige ernst zu nehmende Referat hielt (das ich, Kafkas Grab besuchend, prompt versäumte und nur nachlesen konnte). Kohout warf in einer emphatischen Philippika der deutschen intellektuellen Linken ihre Feigheit vor, mit der sie sich Jahre hindurch einer Berührung mit osteuropäischen Dissidenten entzogen haben. Hier wäre ein großes Thema gewesen, würdig einer ernsten Diskussion – statt der albernen Vorträge über Plato, die Sophisten und Antigone, über das Schöne, Wahre und Bleibende in der russischen Ästhetik der Jahrhundertwende oder die Probleme literarischer Übersetzungen.

Zu diskutieren wäre gewesen, ob Kohout mit seiner pauschalen Schelte recht hat. Daß er besonders die deutschen Gäste Hans Joachim Schädlich, Hans Christoph Buch, Fritz J. Raddatz mit einbezog, zeigt, wie ungenau seine Polemik zielte; gerade Schädlich und Buch kann man das ja wahrlich nicht vorwerfen, vielmehr gehören sie zu denen, die immer und immer wieder (bis zur Schilderung des Schicksals eingesperrter Kollegen) auf die menschenverachtenden Praktiken in sozialistischen Ländern und deren feierliches Kultur-Banausentum hingewiesen haben. Es mag sein, daß der große Romancier Peter O. Chotjewitz sich mit seinem Lieblingssteckenpferd VS vergaloppiert hat (Kohout weiß da von empörenden Angriffen zu berichten) – aber ebenso wahr ist, daß kleinere Talente wie Böll oder Grass sehr wohl und auf vielerlei Weise zur Verfügung standen; nicht nur mit Rat, auch mit Tat.

Anstelle pauschaler Weinerlichkeiten über die "Digitalisierung der Welt" oder die "Krise der europäischen Kultur" wäre fruchtbarer Streit hier angebracht gewesen. Aber die beispiellos schlechte Kongreßorganisation (Kohouts Vortrag war weder in der Tagesordnung noch sonstwo angekündigt) ließ das nicht zu. Ein französischer Kollege berichtete mir als erster von dem "typisch deutschen, sehr schwerfälligen Referat eines Ihrer deutschen Kollegen namens Kohat oder so ähnlich".