Nach wie vor wird die Tendenz an den Weltbörsen von den Nachrichten aus der Golf-Region bestimmt. Als der Irak die Freilassung aller noch festgehaltenen Geiseln verkündete, kam es verbreitet zu steigenden Aktienkursen – auch an der deutschen Börse, wo der Deutsche Aktien-Index (Dax) vorübergehend die Marke von 1500 überschreiten konnte. Als dann der Irak aber erklärte, sich trotz der diplomatischen Bemühungen um eine Lösung des Golf-Konfliktes nicht aus Kuwait zurückziehen zu wollen, brach die „Geisel-Hausse“ in sich zusammen. Die Kurse bröckelten bei minimalen Umsätzen ab. Weder die institutionellen Anleger und Banken noch die privaten Kunden wollen vor Jahresschluß noch etwas riskieren.

Das gilt im übrigen auch für den Rentenmarkt, an dem das Anlagegeschäft äußerst zäh verläuft. Obgleich im Augenblick viel auf eine weltweite Zinsentspannung hindeutet, sehen die Investoren zur Zeit keinen Handlungsbedarf, und in den Kursen der Bankaktien hat sich bisher nicht niedergeschlagen, daß der Abschreibungsbedarf der großen Kreditinstitute auf ihre Wertpapierbestände bisher überschätzt worden ist.

Bemerkenswert ist dagegen die relative Stabilität der Papiere der Großchemie, die in letzter Zeit deutlich an Boden zurückgewonnen haben. Die Ertragssituation soll sich im vierten Quartal leicht gebessert haben.

Aber nicht alle Chemie-Aktien bereiteten Freude. Deutsche Rückschläge erlitten die Henkel Vorzugsaktien. Englische Broker haben die Gewinnschätzung für 1991 drastisch zurückgenommen. Dabei verweisen sie auf die prekäre Situation in Brasilien, auf Patentauseinandersetzungen, die möglicherweise erhebliche Nachforderungen nach sich ziehen, sowie auf hohe Altlasten bei dem jüngst erworbenen Waschmittelwerk im ostdeutschen Genthin. Obgleich Henkel-Sprecher dieser negativen Betrachtungsweise entgegengetreten sind, drückte auch in dieser Woche noch aus London zurückfließendes Material auf den Henkel-Kurs.

Ohne jeglichen Jubel wurde an der deutschen Börse der Einstieg des Volkswagenwerks bei Skoda zur Kenntnis genommen. Da es als sicher gelten kann, daß VW die Milliarden-Investitionen nicht aus eigener Kraft bewältigen kann, fürchten die Börsianer eine Kapitalerhöhung „zum falschen Zeitpunkt“. Zudem wird sich das VW-Ergebnis dieses Jahres trotz der Sonderkonjunktur gegenüber 1989 verschlechtern. K.W.