Wenn nicht alle Zeichen trügen, kann ein Krieg am Golf doch noch abgewendet werden. Am kommenden Montag will George Bush den irakischen Außenminister Tarek Asis im Weißen Haus empfangen. Obwohl Bush verkündet, er sei nicht in „Verhandlungslaune“, würde Bagdads Emissär gewiß nicht nach Washington reisen, nur um sich vom amerikanischen Präsidenten noch einmal das Ultimatum des Weltsicherheitsrates erläutern zu lassen. Mit dem Angebot zum Dialog hatte die Regierung in Washington signalisiert, daß sie zu Verhandlungen mit Saddam Hussein bereit sei. Das aber heißt: Amerika sucht die Lösung der Golfkrise nicht länger in der bedingungslosen Kapitulation Bagdads, es erwägt einen politischen Kompromiß.

George Bush bleibt auch kaum eine andere Wahl. Der Widerstand gegen einen Waffengang am Golf ist in den Vereinigten Staaten gewachsen. Zwar hat der Präsident der Nation versprochen, es werde kein zweites Vietnam geben. Dennoch sind die Demokraten im Kongreß auf Gegenkurs gegangen. Bush mag es wie bittere Ironie erscheinen: Die Front gegen Saddam, die er in den Vereinten Nationen so kunstvoll geschmiedet hat – daheim beginnt sie zu zerbröckeln. Dem Diktator ist der Stimmungsumschwung in Amerika nicht verborgen geblieben. Er verstärkt ihn mit dem Versprechen, alle Geiseln bis Weihnachten freizulassen, noch weiter zu seinen Gunsten.

Ein Handel zeichnet sich ab: Saddam zieht seine Truppen aus Kuwait gegen die Zusage ab, daß das Emirat anschließend mit ihm über Bagdads alleinige Nutzung des umstrittenen Ölfeldes Rumaila und die Überlassung der Inseln Warba und Bubijan verhandelt. Die Vereinten Nationen beschließen eine internationale Nahost-Konferenz, bei der es auch um die von Israel besetzten palästinensischen Gebiete geht. Saddam hätte damit vor seinen arabischen Brüdern das Gesicht gewahrt.

Ein Kuhhandel? Vielleicht. Aber er wäre gewiß einem Flächenbrand am Golf vorzuziehen, der auch Israel erfassen könnte. Weil die Welt Festigkeit gegen den Aggressor gezeigt hat, bekommt die Diplomatie in letzter Minute noch eine Chance. M. N.