Nach Andy Warhols Beerdigung wird es zweifellos das bedeutendste Gesellschaftsereignis der bildenden Kunst vor der Schwelle zum dritten Jahrtausend: die Hochzeit von Ilona Staller, der ungewöhnlichen Abgeordneten der Radikalen Partei im italienischen Parlament, und Jeff Koons, dem amerikanischen Künstler. Stars sind sie alle beide. Als, welch’ innovative Alliteration, Porno- und Politstar geht Ilona Staller, die kürzlich noch Saddam Hussein eine Liebesnacht für die Freilassung der westlichen Geiseln anbot, durch die Weltpresse; und Jeff Koons, der trotz seines Berufsbeginns als Börsenmakler bereits in relativ jungen Jahren den ganzen Kanon der Skulptur von Canova bis zum Meister der Hummel-Figur durchmessen hat, er gilt in eingeweihten Kreisen als der spirituelle Enkel von Joseph Beuys.

Und wenn man nun hört, daß die Hochzeit dieser beiden ungewöhnlichen Menschen für den 14. Februar (nächsten Jahres) anberaumt ist, den als Valentinstag der Liebenden zu feiern uns die Fleurop-Agenten gelehrt haben, dann darf man sich in der Stille schon eine kleine Rührungszähre leisten und in der Öffentlichkeit getrost von einer Sternstunde der Kunst sprechen.

Wer in diesem Jahr die Kunst-Biennale in Venedig während der Eröffnungstage besuchte, der durfte, wie er jetzt weiß, schon die zarten Anfänge dieser Neigung miterleben. Da saßen die beiden Liebenden ganz manierlich auf dem Sofa des Hotels „Monaco“: sie, blond und puppig wie Barbarella, und er, nett und normal wie der nette, normale Junge von nebenan. Und da lagen sie, in effigie, im Ausstellungsraum des „Aperto“, übereinander, sozusagen, überlebensgroß aus bemaltem Holz, ein Meisterstück süddeutscher Schnitzkunst nach italienisch-amerikanischer Vorlage. Er, splitterfasernackt, zärtlich hingelagert auf ihr, die sich zurückbog unter dem Ansturm der Leidenschaft, der ihr nicht Zeit gelassen hatte, den Margeritenkranz aus dem Haar zu nehmen, das Strumpfband vom Schenkel zu streifen oder die hochhackigen Pantöffelchen abzulegen. Ein großes Drachentier polsterte ringelnd diese Begegnung nicht nur von unten weich ab, sondern war, wie wir jetzt wissen, bereits ein Hinweis auf, nun ja, die mythologische Dimension dieses hölzernen Liebesakts.

Natürlich war dieses Werk, das durch große Farbphotos des gleichen Motivs in anderen Positionen sinnvoll ergänzt wurde, ein ganz besonderer Anziehungspunkt für die Kunstfreunde. Neugierig umkreisten sie die lebensvolle Skulptur. Während uns jedoch der ewige Vorrat amouröser Literatur über die geschlossenen Lippen perlte („Und belehr’ ich mich nicht, indem ich des liebreichen Busen Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?“), schauten sie naturgemäß ganz unverblümt auf eine bestimmte Stelle. Aber, gemach, hier kam kein Voyeur auf seine Kosten. Denn das, was wir seit Siegfried Unselds bahnbrechendem Beitrag zur Goethe-Forschung den Iste zu nennen gelernt haben, ruhte schlapp und friedlich.

Und nun also die Hochzeit in Rom! Welch ein Ort für das Bündnis der Sterne! Erst hier und jetzt begreifen wir die ganze kunstpolitische Dimension dieses Vorgangs, gibt uns doch der römische Dichter Ovid die prämoderne Quelle in der Pygmalion-Metamorphose:

... lange entbehrt’ er der Lagergenossin. / Aber er bildet indessen geschickt ein erstaunliches Kunstwerk, / Weiß wie Schnee, ein elfenbeinernes Weib, wie Natur es / Nie zu erzeugen vermag, und ... verliebt sich ins eigne Gebilde / Sie die Gestalt einer wirklichen Jungfrau: man dächte, sie lebe / Wolle sich plötzlich bewegen, sofern es die Scham nicht verwehrte / Daß es nur Kunst war, verdeckte die Kunst.

Wir wissen, wie Pygmalion dann mit Hilfe der mitleidsvollen Venus über den Kunstvorbehalt hinwegkam. Jeff Koons aber, der die Kunst nach dem Leben formte, hat den schwierigeren Weg gewählt. Und macht seine Arbeit durch die Eheschließung mit dem Kunstwerk zu einem Akte von hegelscher Konsequenz. Petra Kipphoff