Von Volker Mauersberger

Zerrissene Republik: Nach den Unruhen in Barcelona im Januar 1934

Erst nach langer Anlaufzeit von fast einem Jahrzehnt geht Spanien in diesen Wochen daran, seine jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten: das Versagen der Monarchie, die Schwäche der zweiten spanischen Republik und das Aufkommen des spanischen Faschismus. Im Mittelpunkt dieser Forschung steht Manuel Azaña, eine gewiß schillernde Figur, die mit Aufstieg und Niedergang des Demokratie-Experiments von 1931 bis 1936 untrennbar verknüpft ist – „ein Verschwörer für die Republik“, wie ihn der spanische Historiker Juan Marichal einmal beschrieb.

Alle, die sich an einem regnerischen, windgepeitschten Novembertag dieses Jahres in Madrid zu einer homenaje für Manuel Azaña versammelt hatten, wußten genau, welches historische Erinnerungsmuster aufgelegt wurde: Genau hier, in diesem bescheidenen Jugendstilpavillon im alten Stadtpark der Hauptstadt, war Spaniens letzter Staatspräsident am 10. Mai 1936 noch einmal vereidigt worden. So gläsern-durchsichtig wie heute der Palacio de Cristal auf seine Besucher wirkt, so zerbrechlich war damals bereits die untergehende spanische Republik.

Kaum zwei Monate sollte es noch dauern, bis Spaniens zweiter, mühseliger Anlauf zur Demokratie von den aufrührerischen Truppen General Francos unterbrochen wurde, um dann in einem mörderischen Bruderkrieg erdrosselt zu werden. Der kaum zum Staatsoberhaupt vereidigte Azaña floh bald vor Francos Truppen quer durch das Land. Am 3. November 1940 stirbt er im französischen Montabaux an Herzversagen – auf seiner letzten, verzweifelten Flucht; denn die Gestapo Hitlers und die Geheimpolizei Francos hatten den Unbeugsamen in seinem Exil aufgespürt und gnadenlos verfolgt.

„Die Identifikation Spaniens mit dem Modell der Demokratie ist ohne diesen Mann nicht denkbar“, sagte der spanische Kulturminister Jorge Semprún an jenem Novembertag im Madrider Kristallpalast, als er die erste Retrospektive über Leben und Werk dieses lange vergessenen Politikers eröffnete. Auch seine Anwesenheit war nicht ohne pikante historische Parallelität: Nicht nur der vor einem halben Jahrhundert gestorbene Manuel Azaña, sondern auch der amtierende Kulturminister repräsentiert jene berüchtigten „zwei Gesichter Spaniens“, zwischen denen sich die labile Republik nicht entscheiden konnte.

Semprúns Großvater, Antonio Maura, war unter dem erzkonservativen, selbstherrlichen König Alfons XIII. vier Jahre lang spanischer Ministerpräsident; der Vater hat die republikanische Regierung zeitweise in der Schweiz und in Holland vertreten; der Onkel Miguel Maura wurde Innenminister der zweiten Republik, auch unter einem Regierungschef Manuel Azaña, der dem Widerstandskämpfer, Schriftsteller und Politiker Semprún die Tragik des Exils vorweggenommen hat.