Sie lebt in einem der ebenerdigen Häuser, die die Kirche für Rentner gebaut hat, in Ebstorf, einem kleinen Ort in Niedersachsen. Martha Niebuhr ist 83 Jahre alt, groß und schlank. Sie hält sich gerade. Sie trägt ein helles Jerseykleid mit dunkler Paspelierung und Hausschuhe an den Füßen. Das weiße Haar ist dauergewellt. Durch die Brille sieht sie mich aus blauen Augen freundlich an. Wir sitzen in tiefen Sesseln, passend zum Sofa, an einem Tisch mit Weihnachtsdecke. Photos der Ebstorfer Kirche hängen an der Wand. In der Ecke steht der Fernseher.

Martha Niebuhr wurde in Wilhelmsburg bei Hamburg geboren. Der Vater war Arbeiter. Sie waren zehn Kinder. Sie wohnten in einer Zweizimmerwohnung. „So war das damals.“ Ab 1917 fuhr sie jeden Sommer als Ferienkind nach Hohenbünstorf, in ein Dorf bei Bad Bevensen. „Zum zwölften Geburtstag habe ich mir gewünscht, ich möchte Jutta melken.“ Jutta war eine Kuh.

Nach acht Jahren Schule wurde sie 1922 in Wilhelmsburg konfirmiert, fing danach in Hohenbünstorf zu arbeiten an. „Ich habe alles gemacht: Holz gehackt, den Garten umgegraben, auf dem Feld Kartoffeln, Steckrüben und Zuckerrüben gepflanzt.“ 1928 zog sie nach Wessenstedt, wo sie nur noch im Haus, Garten und Stall arbeitete: „Ich bin sozusagen vom Esel aufs Pferd gekommen.“ Von den vierzig Mark Verdienst im Monat hat sie sich bald ein Fahrrad für 125 Mark zusammengespart: „Wer sich will redlich ernähren, muß viel flicken und wenig verzehren.“

Mit zwanzig hat sie ihren Mann, einen Maschinenschlosser, kennengelernt. Geheiratet haben sie in Lüneburg, nur mit seinen und ihren Eltern, um nicht das Dorf zum Feiern einladen zu müssen. „Dafür war uns das Geld zu schade. Wir haben unseren ganzen Hausstand gehabt, alles von mir gekauft.“ Das Schlafzimmer, das sie vor sechzig Jahren erstanden hat, benutzt sie noch heute: den Schrank mit ovalem Spiegel, ein Bett, Nachttisch und Truhe mit weißer Marmorplatte. Martha hat nach der Hochzeit weitergearbeitet, immer in der Landwirtschaft. 44 Jahre war sie in dem Lindener Betrieb. 1934 und 1938 wurden die beiden Söhne geboren, wuchsen heran, wurden Bauingenieur und Zimmermann, heirateten, bekamen jeder vier Kinder. Ihr ältester Sohn ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Als Frau Niebuhrs Mann 56 Jahre alt war, wurde er Frührentner, wegen Gelenkabnutzung. Martha Niebuhr arbeitete weiter, pflegte nebenbei sieben Jahre lang ihren Schwiegervater. 1974 starb ihr Mann. Wie die Ehe war? „So ganz gut“, sagt sie, „aber als mein Mann aufgehört hat zu arbeiten, fing er an zu trinken. Geschlagen hat er mich auch. Nachbarn haben gehört, daß bei uns Krakeel war, haben es dem Chef gesagt. Das hast du nicht verdient, hat der zu mir gesagt. Wehr dich! Als mein Mann mich das nächste Mal schlagen wollte, habe ich mich gewehrt, seine Brille ging kaputt. Da hat er aufgehört.“

Die Frau des jüngsten Sohnes übernahm die Küsterstelle in Ebstorf. Frau Niebuhr zog mit ihnen mit. Damals war sie 68 Jahre alt. Als man sie fragte, ob sie beim Pastor arbeiten könnte, sagte sie: „Lust hätte ich schon.“ Sechs Jahre half sie im Haus, hütete die Kinder, bis der Pastor mit seiner Familie nach Kanada emigrierte. „1982 habe ich sie in Kanada besucht.“ Die Bahnfahrt war nicht teuer, erzählt sie, war Seniorenkarte, die Flüge habe sie auch allein bezahlt, nicht ganz 1200 Mark habe es gekostet. Zweimal sei sie in Kanada gewesen. „Das war das schönste Erlebnis meines Lebens. Es war herrlich, das alles zu sehen, diese Weite, die Landschaft.“

Frau Niebuhr hat eine monatliche Rente von 2100 Mark, inklusive 950 Mark Witwenrente. Sie habe eben immer gearbeitet, sagt sie, immer Beiträge gezahlt: „In einem Jahr habe ich mal zwölf Morgen Zuckerrüben im Akkord geerntet.“ Für die Zweizimmerwohnung mit Küche, Bad, Abstellkammer zahlt sie 450 Mark Miete warm, 35 Mark für Strom, Zeitungsgeld teilt sie sich mit Nachbarn, macht 13 Mark, Telephon ungefähr 35 Mark, Rundfunkgebühren 19 Mark, Lebensversicherung 16 Mark im Monat.

Jedes Enkelkind bekommt von ihr zum Geburtstag 100 Mark, Sohn und Schwiegertöchter je 200 Mark, und zu Weihnachten schenkt sie jedem 200 Mark, macht im Jahr 3600 Mark, 300 Mark im Monat. Rund 1200 Mark bleiben ihr im Monat fürs Alltägliche. „Ich lebe bescheiden, leiste mir ganz wenig“, sagt sie. Sie hat 30 000 Mark auf dem Sparkonto.