Von Walter Jens

Es ist Krieg, und ein Mann kommt nach Hause. Der Krieg: die Auseinandersetzungen zwischen Pilsudskis Polen und dem revolutionären Rußland im Jahre 1920, die mit dem Marsch auf Kiew begannen und, nach einem Beinah-Sieg der Roten Armee, dank des (durch Stalins strategisches Ungeschick mitverschuldeten) "Wunders an der Weichsel" endeten: Die Truppenkonzentration vor Lemberg verhindert die Eroberung Warschaus; Budjonnys legendäre erste Reiterarmee wird zu spät in Marsch gesetzt: Pilsudski triumphiert über die isolierten Regimenter des Generals Tuchatschewski; die Rote Armee zieht sich, zum Teil in wilder Flucht, nach Osten zurück.

Ein Mann kommt nach Hause, heim nach Galizien, ins Land der jüdischen Väter. Sein Name: Isaak Emmanuel Babel. Eine seltsame Rückkehr. Der Jude aus dem Ghetto Odessas, der Moldovanka, ein hochgebildeter, jiddisch, hebräisch, russisch und, dies vor allem, französisch sprechender Mann, Bewunderer Tolstojs und entzückter Verehrer Maupassants, taucht, längst emanzipiert, in die "Welt von gestern" ein, die Welt der Schtetl und Gebethäuser, der Rebbe und Chasen, Vorbeter und Sänger und verliert sich, mitten im Krieg, im Binnenstreit zwischen aufgeklärten Juden, Meistern der Haskalah, und frommen Chassidim.

Welch eine Rückkehr, noch einmal aus den Bezirken des mediterranen, von Heiterkeit, Kosmopolitismus und urbanem Esprit bestimmten Odessa in die düstere Welt Galiziens, mit den kleinen Häusern inmitten sumpfiger Ebenen, wo Beter und "Luftmenschen", will heißen: Personen ohne festen Lebensunterhalt, Rauch-und-Windund-Nichts-Verkäufer, die Szene bestimmen.

Und dann das große Paradox, die makabre Pointe einer Heimkehr, die beispiellos ist: Der Wanderer ins Gestern ist kein Pilger, der sich auf den Weg zu einem Wunderrabbi macht, sondern ein sowjetischer Propagandist, der in einem Agitprop-Zug der Armee die politische Kampagne der Truppen befördert.

Und noch eine Drehung mehr, hin zum Absurden: Der jüdische Soldat hat sich aus gutem Grund getarnt und seinen Namen in Kirill Vasiljevič Ljutov verändert: Das Kosakenheer, mit dem er in Galizien einzieht, besteht, alter Tradition entsprechend, zu einem großen Teil aus Antisemiten – da wäre Babel, der Jud, von vornherein auf verlorenem Posten, gäbe er sich, in seiner wahren Identität, zu erkennen.

Und dennoch die Heimkehr, in der Maske eines Luftmenschen, der, unter Mord und Gemetzel, sein zweites Leben führt – das Leben eines Poeten, der ein Tagebuch führt, um irgendwann einmal aus flüchtigen Notaren ("Merken!", "Festhalten!") einen Geschichtenzyklus zu machen – den Zyklus der Reiterarmee. Babel alias Ljutov, der, wie es in der Sekundärliteratur heißt, einem Farbigen gleicht, der beim Aufmarsch des Ku-Klux-Klan mitmarschiert: Babel beschreibt, hier sachlich und knapp, dort mit gewaltigem Aufschwung, bilder- und metaphernreich, das Doppelleben eines traurigen Kriegers, der die Tötungsmaschinerie rings um sich her analysiert und gleichwohl in Gedanken bei den Seinen ist, den prachtvollen Juden und den schönen Jüdinnen, deren Ambiente er, mitten im Krieg, mit der Gelassenheit eines Kunstliebhabers beschreibt: "26. 8. 20. Sokal. Stadtbesichtigung mit dem jungen Zionisten. Die Synagogen – die chassidische, ein erschütternder Anblick, 300 Jahre alt, blasse hübsche Knaben mit Pejess, die Synagoge, die 200 Jahre alt ist, dieselben kleinen Gestalten in Kapotess, bewegen sich, fuchteln mit den Armen, heulen. Das ist die Partei der Orthodoxen – sie stehen hinter dem Rabbiner von Beiz, der sich nach Wien abgesetzt hat. Die Gemäßigten stehen hinter dem Rabbiner von Husiatyn. Ihre Synagoge. Die Schönheiten des Altars, angefertigt von irgendeinem Handwerker, herrliche grüne Leuchter, wurmstichige Tischchen, die Synagoge von Beiz ist eine Vision des Altertums." Das klingt, als ob ein passionierter Gourmet, ein jüdischer Winkelmann Lokalitäten aufmäße und, mit gelassenem Friedensblick, Geschichte und Gegenwart kostbarer Altertümer miteinander konfrontiert.