Im deutschen Roman wird im allgemeinen viel gedacht und wenig gehandelt; im amerikanischen ist es häufig umgekehrt. Das gereicht dem neuen, originellen Roman von Jerome Charyn leider zum Nachteil. Charyn, von dessen mehr als zwanzig Büchern auf Deutsch bereits das schöne New-York-Buch „Metropolis“ und die beiden Krimis „Marilyn the Wild“ und „Blue Eyes“ erschienen sind, persifliert in „Pinocchios Nase“ das berühmte Kinderbuch „Pinocchios Abenteuer“ von Carlo Collodi aus dem Jahr 1883.

Die moderne Variante ist einerseits ein autobiographisch-fiktionaler Schriftstellerroman vom Aufstieg des (wie der Autor) 1937 in der Bronx geborenen Lumpensammlerkindes Jerome Copernicus Charyn zum gefeierten Kinderbuchstar, andererseits eine wüste Pinocchio-Adaption, die die Geschichte vom hölzernen Hampelmann ins Italien Mussolinis verlegt. Für seinen unter Lese- und Schreibunfähigkeit leidenden Neffen Edgar erfindet Copernicus Charyn einen zeitgemäßen Pinocchio, damit Edgar endlich zum Alphabeten wird und eine „umfassende Lektion in den Sitten und Gebräuchen der Welt“ erhält.

Aber zusehends wird das Unternehmen zu einer Spiegelgeschichte für den Zustand des Verfassers selbst. Der hölzerne, in den Dingen des Lebens unerfahrene Junge mit der großen Nase, der zum schillernden Maskottchen Mussolinis wird, muß mit seiner riesigen „Schnuffel“ den Mangel eines gewissen anderen Organs kompensieren, was ihm, dank der Lehren der Hure Brunhilde, geradezu überwältigend gut gelingt.

Pinocchio wird so zur Metapher für Ohnmacht und Größenwahn des Schriftstellers, sein Griffel, der uns gleich in mehreren Liebesepisoden nahegebracht wird, hat Kompensationsfunktion. Aber bei aller Metaphysik von Schnuffel, Griffel und Pimmel hätte man sich doch etwas mehr Konzeption und etwas weniger abenteuerliche, am Ende nur noch verwirrende und verdrießliche Verwicklungen gewünscht. Martin Hielscher

  • Jerome Charyn:

Pinocchios Nase

Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld; Claassen Verlag, Düsseldorf 1990; 426 S., 44,– DM