Dort liegt Europa: Daß Dresden Landeshauptstadt wird, daran gab’s gar kein Gewackel

Von Helga Schütz

Zum ersten Mal fahre ich ohne Ankündigung nach Dresden, ohne Vorsorge für die Nacht. Weder Tanten noch Freunde müssen zu Hause sein oder den Schlüssel „legen“. Hotelübernachtungen waren in den Zeiten „davor“ sowieso ausgeschlossen. Da gab es an der Rezeption für Leute mit Goethe und Marx auf dem Geldschein immer nur eine Abfuhr. Da hieß es: Bis Jahresende ausgebucht. Im Januar des nächsten Jahres dasselbe Lied. Jetzt findest du überall Quartier.

Grau ist dieser Dezembertag. Ein wenig frischer Schnee wäre gut. Die Landeshauptstadt Dresden im Schnee, wäre das nichts? Doch das Wetter bleibt ehrlich. Es riecht nach Apfelsinen in unserem Abteil. Ich schreibe mir auf, was ich der Reihe nach machen will in der Stadt meiner Kinder- und Lehrzeit. Stollen besorgen. Schallplatte kaufen. Tante besuchen. Den Kreuzchor wieder mal hören ...

Freundliches Licht scheint durch die hohen Kreuzkirchenfenster, doch die Pforten sind streng verschlossen. Das Fernsehen ist da. Auf einem Schild steht: Freuen Sie sich, wir gestalten das Programm für Ihre Festtage. Auf dem Striezelmarkt, wie der Weihnachtsmarkt in Dresden heißt, singen die Kinderchöre von alten Platten. Aber die Märchenfiguren sind alle neu, nichts mehr von Pittiplatsch und Schnatterinchen, Herrn Fuchs und Frau Elster. Um die alte Seilschaft ist es sogar ein bißchen schade.

Ich treibe Stollenstudien, Preisvergleiche, zwänge mich durch die Freßgäßchen hindurch in Richtung Rathaus, wo seit einem halben Jahr ein neuer Oberbürgermeister arbeitet. Herbert Wagner, 41 Jahre alt. Er kommt aus Neustrelitz, hat in Dresden studiert und hier als Informationselektroniker gearbeitet. Zu Zeiten der Montagsdemonstrationen im Jahr 1989 gehörte er zur parteiübergreifenden oppositionellen „Gruppe der Zwanzig“. Im Mai 1990 wurde er auf der Stadtverordnetenversammlung mit 88 von 123 Stimmen zum Stadtoberhaupt gewählt.

Daß er Katholik ist, macht ihn zum liebenswürdigen Sonderling im Kernland des Protestantismus. Die Dresdner leben mit ihrer Geschichte. Am innigsten mit den Kurfürsten und Königen, sie kennen sich aus in solchen Konstellationen – auch August der Starke war Katholik. Der allerdings hatte den Glauben kurzerhand angenommen, um die polnische Königskrone zu bekommen. Der neue Mann von Dresden erbte sein Glaubensbekenntnis von den Eltern, die aus dem Sudetenland stammten. Er hielt aus innerer Überzeugung daran fest, obwohl es ihm von Kindheit an Schwierigkeiten brachte. Diese Geradheit rechnen ihm die Dresdner hoch an. Sogar ihre Kritik drückt Wertschätzung aus. Muß der in sein Godn rummärn? Der hat doch jetzt andres zu dun. Das zum Pressephoto „Oberbürgermeister Dr. Wagner arbeitet in seinem Garten“.