In diesem Winter wird Leningrad von deutschen Journalisten belagert. Zwanzig von ihnen haben sich versammelt, um mitzuerleben, wie Leningrader Bürger Care-Pakete aus Hamburg öffnen. Die Sowjets haben für diesen besonderen Anlaß eine ganz bestimmte Gruppe von Leuten ausgewählt – alle waren in deutschen Konzentrationslagern.

Nun sind anscheinend genauso viele Journalisten da wie Pakete. Eine Frau beginnt zu schluchzen. Die Photographen rücken näher, eine Fernsehkamera richtet das Objektiv auf ihr Gesicht, ein Mikrophon wandert unter ihr Kinn. Der Fernsehreporter fragt nach ihrem Namen. Zur Antwort greift sie sich an den Arm und schiebt den schweren Ärmel ihres Wintermantels zurück. Sie zeigt auf die Nummer, die man ihr in Bergen-Belsen in den Arm tätowiert hat. Gefühle zerren an ihren Gesichtszügen. Die Journalisten werden unsicher; die Frau scheint von Haß gegen sie erfüllt zu sein. Ein bekannter Journalist von einer der großen Illustrierten deutet die Gefühle der Frau als Scham. Während seines einwöchigen Aufenthalts in Leningrad kann er keine Anzeichen von akutem Hunger finden, nur die üblichen Engpässe. Vielleicht kommt die Hungersnot ja im Februar. Aber er ist jetzt, im November, hier in Leningrad, und wenn es auch nicht genug Vitamine gibt, so sind Kalorien doch reichlich vorhanden. Das schreibt er auch in seinem Artikel. Und als er wieder in Deutschland ist, wirft man ihm mangelndes Einfühlungsvermögen vor. Sein Artikel wird nicht gedruckt. Ein anderer Journalist, der nie in der UdSSR gewesen ist, soll einen neuen Text schreiben. Die Bildunterschrift unter dem Photo der Frau aus Bergen-Belsen lautet: „Bewegt nimmt die Rentnerin ein Paket entgegen...“

Die Bilder der Großzügigkeit sind bewegend. Ein Lastwagen rumpelt nach Leningrad hinein, ihm folgen drei Pkw mit Journalisten. Die Stadt ist groß. Die kleine Fahrzeugkolonne sieht aus, als wäre sie auf einer Expedition in die Antarktis. Eine auffällig dicke Frau öffnet ein Paket. Sie nimmt eine Tafel Schokolade heraus und jammert in die Kamera: „Danke, Deutschland.“ Dann folgt ein Photo von ausgemergelten Russen, die während der Blockade von Leningrad durch die Deutschen ihre Toten zu den Gräbern schleifen. Die beiden Bilder stehen in einer Verbindung Auf dem ersten helfen die Deutschen im Kampf gegen den Hunger, auf dem zweiten verursachen sie ihn. Der Betrachter wird von Emotionen überwältigt. „Sie haben es gesehen, liebe Zuschauer“, erklärt die Moderatorin, „auch Sie können helfen“ – und nennt die Spendenkontonummer. „Nächste Woche werden wir dabeisein, wenn die Pakete eintreffen. Wir werden dafür sorgen, daß sie ihre Adressaten tatsächlich erreichen.“

An diesem Abend beginnt Lea Rosh ihre Talk-Show mit einem Journalisten, der die „Fortschritte“ lobt, die man schon gemacht hat. Inzwischen sind 460 000 Mark auf dem Spendenkonto des Tagesspiegel eingegangen. Bei vier Millionen Einwohnern, die Leningrad hat, macht das zwölf Pfennig pro Kopf. Lea Rosh wendet sich einem Gast zu: Der Pianist Anatoli Ugorski hat Leningrad vor vier Monaten verlassen, nachdem seine sechzehnjährige Tochter vom antisemitischen „Pamjat“ bedroht wurde. Lea Rosh hofft, Ugorski werde etwas über den Hunger in Leningrad sagen, aber er weigert sich. Im kleineren Kreis erklärt er später, er habe nicht den Eindruck, daß in Rußland jemand unter akutem Hunger leide. Die materielle Lage sei sehr bedrückend, aber das sei sie schon lange. Er wäre gern in Rußland geblieben. Er hat seine Stelle als Professor an der Musikhochschule verloren, seine Wohnung in der Nähe des Newski Prospekt, seinen Flügel. Er wohnt jetzt in Marzahn und lebt von der Sozialhilfe. Er hat das Gefühl, seine Landsleute hätten ihn vertrieben.

Daß die Deutschen mit ihrer Großzügigkeit gegenüber der Sowjetunion emotional etwas gewinnen, ist klar. Worin dieser Gewinn besteht, ist weniger klar.

Vielleicht ist es einfacher, die Nahrungsmittelknappheit in Rußland als Katastrophe und nicht als langfristiges Problem aufzufassen, denn wäre sie ein Dauerproblem, dann wäre auch eine Hilfe vonnöten, die nicht aufhört, wenn die weihnachtliche Hochstimmung verflogen ist.

Vielleicht wollen die Deutschen ihre Dankbarkeit dafür zum Ausdruck bringen, daß Gorbatschow den Osten freigegeben hat. Vielleicht empfinden sie nach Jahrzehnten der Angst vor Rußland auch eine gewisse Erleichterung darüber, daß der russische Bär so schwach ist und daniederliegt. Mit großer Freude haben sie auch für die hierzulande stationierten amerikanischen Soldaten gespendet, als der Dollar Ende der siebziger Jahre sehr schwach war, und noch einmal 1984, nachdem der stern einen Artikel über die Armut in amerikanischen Großstädten gebracht hatte. Die Verhältnisse in Amerika haben sich nicht verändert, aber im Augenblick wird nicht für Amerika gesammelt und nicht einmal für Äthiopien. Im Augenblick denken die deutschen Illustriertenleser an Rußland. Vielleicht denkt der eine oder andere auch im stillen, die Russen neigten zum Hungern und hätten sich an diesen Zustand fast schon gewöhnt. Aber natürlich meint niemand, die Deutschen könnten sich durch ihre Spenden von ihrer Verantwortung für die Belagerung während des Krieges losmachen.