Nicht daß wir etwas gegen Norweger hätten, aber rein nachrichtenmäßig gab das Land in der letzten Zeit nun wirklich wenig her. Unser Korrespondent bei Hofe beispielsweise – nicht eine Zeile, die er in den letzten Wochen rüberfaxte. Welche zentralen Themen wir auch anbohrten (Spionage-U-Boote, Wetter, Elche), trotz beinharter Recherche blieb das Ergebnis seltsam matt. Und dann also dieser Augenblick, den historisch zu nennen wir uns nicht scheuen. Das Unvorstellbare wurde Ereignis, das niemals für möglich Gehaltene wurde Faktum und wir – voller Staunen noch – die glücklichen Zeugen. Was ist passiert?

In der westnorwegischen Gemeinde Ufredal, meldet dpa in überraschend dürren Worten, haben Tunnelbauer ihr Ziel verfehlt. Trotz genauer Berechnungen trafen die beiden von Osten und Westen angelegten Teilstücke beim Durchbruch des 2300 Meter langen Tunnels nicht aufeinander. Wie sich herausstellte, hatte sich die von Westen her kommende Bohrmannschaft einfach nicht an den vereinbarten Steigungswinkel von 120 Promille gehalten. Zur Tatzeit, als man in Ufredal munter aneinander vorbeibohrte, hätten sich die verantwortlichen Tunnelbauer, so die Agentur maliziös, gerade dienstlich in der Schweiz aufgehalten, um den Eidgenossen neue Tunnelbautechniken beizubringen.

Ha, ha, ha – wer an dieser Stelle seiner Albernheit nachgegeben haben sollte, der – man muß es mal so deutlich sagen – beweist unseres Erachtens einen bemerkenswerten Grad von Unreife. So ist dem Ereignis von Ufredal nicht beizukommen, zu groß ist der Erkenntnisreichtum, den die wackren Arbeiter dort sozusagen en passant zu Tage förderten.

Nichts ist selbstverständlich, nichts muß, alles kann: Wie unangemessen erscheint mit einem Mal die Gelassenheit, mit der wir die Dinge auf uns zukommen ließen. Oskars 33,5 von Hundert, der Durchbruch unter dem Kanal, Roy Blacks Comeback am Wörthersee, Schalke verliert in Bremen, Advent 1990, nichts ist selbstverständlich, Ufredal macht es uns grausam klar.

Natürlich hören wir schon die Wissenschaftler, wie sie tönen, daß dies so neu nicht sei. Murphys Fundamentalsatz! „Wenn irgend etwas schiefgehen kann, dann geht es schief“ – irgendwo, irgendwie, irgendwann. So gesehen sei der Tunnelversuch von Norwegen gewissermaßen qua Gesetz gescheitert, nur zu evident sei die klassische Paralle zum morgendlichen Nutella-Brötchen, das ja bekanntlich auch immer mit der Nutella-Seite auf den Teppich falle.

Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen: Auch wir halten den theoretischen Ansatz des Amerikaners Edward Aloysius Murphy für ebenso frappierend wie zutreffend. Ohne Murphy wären wir ärmer, so manche Erkenntnis wäre undenkbar, nehmen wir nur Wittens These, wonach gilt: „Jedesmal, wenn du deine Fingernägel geschnitten hast, könntest du sie eine Stunde später gebrauchen.“

Allerdings, bei aller Übereinstimmung, uneingeschränkt können wir dem Meister nicht folgen. Denn, die eine Frage muß wohl erlaubt sein: Ist in Ufredal wirklich etwas schiefgegangen? Ein paar Leute kamen mit ihrem Bohrer von links, ein paar von rechts, und man hat sich nicht getroffen. Kein Licht am Ende des Tunnels. Es hat sich einfach nicht ereignet. Das mag ärgerlich sein und eine Reihe von Plänen durchkreuzen, doch sollten wir – beziehungsweise unsere norwegischen Freunde – aus diesem Grunde mit dem Schicksal hadern?

Wir meinen: Nein! Das Ereignis von Ufredal – entkleidet bis auf den Kern – hat auch etwas sehr Schönes. Es zeigt, daß sich die Erde noch wehrt, für Überraschungen ist das Leben nach wie vor gut. Es hätte auch anders laufen können. Anders mit Oskar, anders unter dem Kanal, anders mit Roy Black am Wörthersee und mit Schalke in Bremen. Hanns-Bruno Kammertöns