Von Rolf Michaelis

Dieser Film lebt (außer von lärmenden, viehischen Schlacht- als menschlichen Schlächter- und Kriegs-Szenen) von einem Gesicht, einer Stimme. Die gehören dem irischen Schauspieler und Regisseur, dessen Namen wir behalten werden: Kenneth Branagh.

Ein bäurisch derber König, dessen drei Warzen um Mund und Nase so ausdrucksstark sind wie der zerzauste Rotschopf über dem vierschrötigen Schädel, in dem Augen von skeptischer Lebensgier brennen. Ein plötzlich sanfter Haudegen, der mit zähnebleckender Ironie droht: "Ich kann zuschlagen wie ein Metzger." Mannskerl auf Freiersfüßen, der das Mädchen auch rumkriegt, weil er souverän genug ist, bei der Werbung sein "wenig einnehmendes Wesen" nicht zu unterschlagen. So heisert der Schlagetot von der windumbrausten Insel der Prinzessin am überfeinerten Hof des französischen Königs, seiner "schönen französischen Lilie", auch dies ins Gesicht: "Mein Trost ist, daß das Alter, wenn es auch die Schönheit nur schlecht verwahrt, doch in meinem Gesicht keinen Schaden mehr anrichten kann."

Die königliche Stimme: fest, rauh, dabei jungenhaft hoch (der Film, 137 Minuten lang, läuft im englischen Original mit Untertiteln).

Kenneth Branagh ist gerade dreißig, also nur wenig älter als der historische fünfte Heinrich, der 1414 mit 25 aus einer Zuhälterkneipe zur Krönung gerufen werden muß. Dem vulkanischen Temperament dieses Schauspielers, der sich mit "The Renaissance Theatre" sein eigenes Ensemble geschaffen und, als 28jähriger, schon seine Autobiographie ("Beginning") verfaßt hat, glaubt man, daß er mit dem alten Falstaff (Robbie Coltrane) und dessen halbkriminellen Zechkumpanen eine wilde Jugend hinter sich hat, ehe er nun zum Kämpfer für Recht und Ordnung wird.

Nicht schlecht, hier ein wenig von der Vorgeschichte zu wissen, die Shakespeare in "Heinrich IV." erzählt hat. Sonst wird die rührende Sterbeszene Falstaffs, sonst wird eine Rückblende in Henrys Jugendzeit, sonst wird vor allem eine der ungeheuerlichen Szenen in ihrer Kühnheit kaum verständlich: die Erhängung des alten Gaunerfreundes Bardolph (Richard Briers). Bardolph hat im Feindesland eine Kirche ausgeraubt und wird gehenkt. Bis zuletzt hofft der Filou, daß der König, den er nur als "Prinz Heinz" aus alten Kneipenzeiten kennt, ihm rechtzeitig den Kopf aus der Schlinge ziehen werde.

Doch der zum obersten Richter gewordene König kennt nur noch das Gesetz und schaut der Hinrichtung des alten Kumpans zu. Sind es nur Regentropfen, die Heinrich über die Wangen laufen, wenn Bardolph im nebelnassen Wald aufgeknüpft wird? Kräftiges Sinnbild für die neue Zeit von Recht und Ordnung: Die Beine des alten Räubers hängen ins Bild, wenn der englische König, der doch selber (Land-)Räuber ist, unter dem Gerichtsbaum den französischen Herold abfertigt.