Von Thilo Bode

Sehr oft kann ein Staatsanwalt nicht das gesagt haben, was die junge Staatsanwältin Gerlinde Nieder in der „Strafsache gegen Claus Johannes Luthe wegen Totschlags gemäß Paragraph 212 Strafgesetzbuch“, so die nüchterne Anklageschrift, vor dem Münchner Schwurgericht gesagt hat: „Der Angeklagte ist ein absolut integrer Mensch.“ Wird die noble Verbeugung dem Angeklagten viel nützen?

Claus Luthe, ein Autodesigner von Ruf, hat in der Nacht vom Karfreitag auf den Karsamstag dieses Jahres seinen drogenabhängigen Sohn mit acht wuchtig geführten Messerstichen, sechsmal in die Brust, zweimal in den Rücken, getötet. Er bestreitet die Tat nicht. Sechs Minuten nach zwei Uhr morgens war der Notruf bei der Polizei eingegangen: „Ein Notarzt, Familiendrama, ein Mann ist erstochen worden, schnell!“ Zwölf Minuten später war alles zur Stelle, und alle kamen zu spät.

Ein Familiendrama in der Tat, mit drei Hauptpersonen, dem Vater, der Mutter, dem Sohn, ein klassischer Vater-Sohn-Konflikt dazu. Aber wäre das Verfahren auch dann zum Münchner Sensationsprozeß geworden, wenn der Vater, der Täter, nicht der „weltberühmte“, der „geniale Designer“ der BMW-Automobile wäre, wie er immer wieder genannt wird, wenn er nicht Leiter der Abteilung Design und Entwicklung in seinem Werk gewesen wäre? Man darf zweifeln.

Im Vorfeld des Prozesses hatten sich „die Medien“, wie die Gerichtsherren gerne pauschal, abschätzig und doch hilflos sagen, anbetend mit den Wunderwerken „Prinz“, „Ro 80“, der Dreier-, Fünfer- und Siebener-Reihe, schließlich einem Geschoß namens „850i“ befaßt. Wäre einem Täter auch so viel Anteilnahme, so viel „Vor-Freispruch“ zuteil geworden, wenn er nur ein schlichter, ruppiger „Kapitalist“ oder gar ein Miethai gewesen wäre? Man darf es erneut bezweifeln. Mit strengen, aber auch resignierenden Worten rügte der Vorsitzende Heinz Alert mehr als einmal diese „Medien“.

Der Vater: Ein vier Jahre altes Bild zeigt einen Künstlerkopf mit Cäsar-Frisur, mit klaren, eindringlichen Augen. Nichts mehr davon ist dem jetzt 57-jährigen im Gerichtssaal noch anzusehen. Bleich, verfallen, mit unendlich traurigen Augen sitzt Luthe in seinem Sessel, den Blick niedergeschlagen, wenn es grausam wird. Weinend wird er in seinem Schlußwort sagen: „Im juristischen Sinne fühle ich mich unschuldig. Aber eine ganz andere Schuld, meinen Sohn mit eigener Hand getötet zu haben, wird mir niemand abnehmen können. Mit meinem Leben ist es zu Ende.“

Seine Familie geht ihm über alles; jeder hat das bezeugt. Liebevoll geht seine Frau in jeder Verhandlungspause zu ihm, umarmt ihn schweigend, auch sie zerstört von der Tragödie, aber von wesentlich härterem Holz als der Mann. Sie hätte sich um der Familie willen von dem Sohn getrennt. Die drei anderen Kinder, eine Tochter und zwei weitere Söhne, Zwillinge, sind wohlgeraten, wie man so sagt; äußerlich so unbewegt wie möglich, folgen sie der Verhandlung, die auch eine Verhandlung gegen ihren Bruder ist.