Von Hans-Joachim Müller

Wenn er jetzt plötzlich mit den Wimpern zuckte, die Brauen etwas höbe, der dicke Junge mit seinen Walkmanstöpseln im Ohr. Wenn er dann aufstünde von seinem Stuhl und einfach wegginge, sie endlich leid wäre, unsere peinliche Neugier. Wie wir uns da über ihn gebeugt haben, ihm immer näher gekommen sind und unser Atem schon seine strohigen Haare berührt hat. Der dicke "Vendor" aber bleibt sitzen und läßt sich alles gefallen. Der dicke "Vendor" ist aus Polyvinylacetat und nimmt klaglos hin, wenn Buchhalterblicke seine Mitesser zählen und höhnisch die kleinen Fehlstellen seiner gut gepolsterten Epidermis mikroskopieren.

Inständiger sind wir schon lange nicht mehr auf das Berührungsverbot verwiesen worden als bei den "lebensechten" Figuren des amerikanischen Bildhauers Duane Hanson, die zum Auftakt einer langen Europatournee in der Tübinger Kunsthalle Station machen. Fast unwiderstehlich die Versuchung, dem dicken "Vendor" doch einmal an den Bauch zu fassen. Wie nachgiebig sich wohl die angelagerten Fettvorräte anfühlen würden? Die Leute testen mit den Augen und stecken tapfer die Hände in die Taschen. Wie Philatelisten den Zackenrand der Nobelmarke prüfen sie jedes Härchen an Ohr und Nase. Und neben dem kleinen Mädchen, das auf dem Teppich vor einem halb gemeisterten Vereinigte-Staaten-Puzzle hockt, geht regelmäßig einer in die Knie. Müßte nicht die Nahsicht endlich Gewißheit bringen? Gewißheit, daß es kein geduldiges Kind ist, das da zum Kunstsitzen dressiert worden ist, daß alles Lug und Trug ist, was aber doch gar nie in Zweifel stand. Denn mit dem Eintritt in den Kunstraum hat der Museumsbesucher die Herrschaft des Scheins widerspruchslos hingenommen und im gleichen Augenblick erfahren, daß trotz des akzeptierten Kunstvorbehalts die Überrumpelung wieder einmal geklappt hat. Der Schock der Täuschung verlangt eine Art Erlösung. Zumindest möchte der Schein auch als Schein entlarvt werden, das düpierte Auge nun wissen, wie es hereingelegt worden ist, möchte die eigene Fehlbarkeit wiedergutmachen, indem es dem Täuscher seine Tricks und winzigen Ungenauigkeiten nachweist.

Das geht so seit der documenta V des Jahres 1972, als der Import amerikanischer "Hyperrealisten" erstmals auch mit Arbeiten von Duane Hanson bekannt machte. Und seither funktioniert der alte Trick, und die Verblüffungsenergie scheint sich nimmer zu verbrauchen.

Sind wir gemeint? Fast erschreckt schaut man sich um unter dem dienstlich starren Blick des Museumswärters, der so beiläufig lässig oben auf dem Treppenabsatz am Türpfosten lehnt, die eine Hand in der Hosentasche, in der anderen das Funkgerät. Daß er mit seinem Sheriffstern am weißen Hemd schwerlich zum heimischen Aufsichtspersonal gehören kann, nützt im Begegnungsmoment gar nichts. Zunächst ist die illusionistische Wirkung derart, daß man sich doch ein Stück weit einläßt auf das So-tun-als-ob-Spiel. Nicht anders als bei den Kabinettstückchen der amerikanischen Trompe-l’oeil-Maler des 19. Jahrhunderts, die Hanson ganz offensichtlich beerbt hat. So, wie der gemalte Notizzettel an einer gemalten Pinnwand die Suggestion seiner stofflichen Präsenz nicht einbüßt, wenn man dem Bild wiederbegegnet, wird man "Queenie", der schwarzen Putzhilfe mit ihrem Eimerwagen voller Gerätschaften, immer unwillkürlich aus dem Wege gehen, um sie nur ja beim gleich losbrechenden Reinigungsvollzug nicht zu stören – sooft man ihr eben an irgendeinem Kunstort in die Quere kommt.

Vor Duane Hansons plastischen Arbeiten scheint auf eigentümliche Weise die Lernfähigkeit blockiert. Noch mehr als vor Trompe-l’oeil-Bildern. Denn den Figuren im Körpermaßstab 1 : 1 fehlt jener Abstand zwischen Bild und Abgebildetem, der in der flächigen Bildorganisation notwendig gegeben ist, mag dort auch die imitative Fertigkeit noch so perfekt sein. Die Trompe-l’oeil-Plastik ist gegenüber der Trompe-l’oeil-Malerei allemal ein wenig weniger abstrakt, weniger zeichenhaft. Malen heißt immer auch: Verhältnisse bestimmen. Während Hansons ganze technische Anstrengung darauf gerichtet ist, Verhältnisse zwischen Modell und Figur zu tilgen.

Sein Personal wird Körperteil um Körperteil abgegossen. Eine komplizierte Prozedur am lebenden Objekt, von der Gußschalen aus Silikongummi, Fiberglas und Gips zurückbleiben, die dann zur Hohlform für den eigentlichen Körperkern verschweißt werden. Was dann folgt, ist Maskenbildnerei, die jedem Visagisten in Steven Spielbergs Traumfabrik Ehre machen würde. Bevor der Künstler den plastischen Portraits ihre Originalkleidung anlegt, geht er mit Spachtelmasse, feinen Pinseln und spitzen Nadeln ans Körperwerk und erfüllt penibel, was immer die mangelhafte Natur vorgibt. Poren werden vertieft oder verstopft, Haare Büschel um Büschel implantiert, Pigmentflecken aufgemalt. Die Haut ist das Ungeheuerlichste, Erschreckendste an Hansons Figuren. Erbarmungslos verrät sie Alter und Erhaltungszustand des abgeformten Leibes.