Woher kommen die Geschichten der Schriftsteller? Erfinden sie sie selber? Werden sie ihnen zugeraunt von Stimmen aus fernen Zeiten? Ist es der Zufall, der sie ihnen zuträgt oder holen sie sie aus der Erinnerung, wo sie – tief eingegraben – darauf warten, das Licht eines zu Ende gehenden Sommers zu erblicken?

Der türkische Schriftsteller Ferit Edgü erzählt in seinem neuen Buch „Ein Sommer im Septemberschatten“ (nach „Ein Winter in Hakkari“ sein zweites in deutscher Sprache erschienenes Werk) nicht nur Geschichten, sondern auch davon, wie er den Stoff zu diesen Geschichten (er)findet und dann, von tausend Skrupeln geplagt, nicht weiß, wie beginnen: „Jedesmal, wenn ich zu schreiben ansetzte, sah ich, daß ich einer Möglichkeit und einer Unmöglichkeit gegenüberstand. Die Möglichkeit: Worte. Die Unmöglichkeit: Welche? Die Möglichkeit: Erinnerungen. Die Unmöglichkeit: Worte.“

Ein Paradoxon, dem wir erst auf die Spur kommen, als wir erfahren, daß die Märchen, die der treue, bucklige Pferdeknecht Çakir dem Jungen Ferit einst erzählt hat und die der Schriftsteller jetzt zu Papier bringen will, diesem von den Pferden beigebracht wurden. Und Pferde: „Sie haben keine Stimme. Sie erzählen ihre Märchen schweigend.“

Es wäre sicherlich vermessen, Ferit Edgü, in Istanbul zu Hause, einen Märchenerzähler zu nennen, wenngleich er, wenn es um Çakir geht, einer wunderbar leichten Märchenton anschlägt und ihr als einen einfachen, weisen Menschen zeichnet Die Ereignisse in Qakirs Leben freilich, sie warer so unbedeutend, daß sie nicht Stoff bieten für einen wort- und handlungsreichen Lebensbericht Deshalb erzählt Edgü diesen Bericht als „fotobiografische Geschichte“. 31 Photos erstehen in seiner Phantasie, die er in knappem Stakkatostil kommentiert. Doch gerade so verdichtet er, was diesen Çakir ausmachte: seine stille Zufriedenheit, erwachsen aus einem entbehrungsreichen Leben. Çakir, so scheint es, ist fast ein Heiliger, erfüllt von Liebe zu allem Geschaffenen: „Dieser Mensch hatte sich im Leben einen Platz geschaffen, als sei er kein Mensch dieses Landes, schon gar nicht dieser Welt.“

Ein hoher, hehrer Ton und experimentelles Wortspiel liegen bei Edgü dicht beieinander. So ist auch der zweite Teil seines Buches, der den Titel „Wasserkrüge“ trägt, so etwas wie ein antikes Stück über die Nemesis. Inmitten der Ruinen einer Moschee, umgeben von einem „Müllplatz voller Raben“ besiegeln zwei junge Männer ihre Blutsbruderschaft. Für beide, Kini und Esat, beginnt damit ein Leidensweg, den Edgü in atemloser Weise erzählt, und doch bleibt in jedem Kapitel ein Rest von Geheimnis.

Eine Liebesgeschichte mit einem blutjungen Mädchen, die vor allem in der Phantasie Esats stattfindet, und Betrug und Verbrechen, die für den Leser kaum faßbar sind, werden miteinander verknüpft. Die Ärmsten der Armen sind es, die hier auftreten, „verlorene Seelen“ alle. Auch wenn Çakir, der buckliger Pferdeknecht, der Heilige, in der Handlung von „Wasserkrüge“ gar nicht beheimatet zu sein scheint, ist er plötzlich da. Und wir erfahren mehr von ihm, mehr als Edgüs „fotobiografische Geschichte“ preisgibt. Auch er gehörte zu den Betrügern: „Ich war auch einer von ihnen ... Erst später habe ich die Pferde gemocht.“ Und er weiß: „Keiner von ihnen ist ein schlechter Mensch. Ich kenne sie alle. Keiner ...“

Ferit Edgü, Jahrgang 1936, in der modernen experimentellen Tradition der türkischen Literatur stehend, ist beides: ein brillanter Worterfinder und einer, der es wagt, sich auf eine Weisheit einzulassen, die an die Grenzen unseres Verstandes reicht: „Es schien, als ob er nicht die Fischer vor sich, nicht die trüben Gewässer des Göksu-Baches, nicht die gegenüberliegenden Hügel beobachtete, sondern jene Leere, die alles und nichts beinhaltete und die manche die Ewigkeit nennen.“ Anne Frederiksen