Mit Milliarden-Investitionen will der Wolfsburger Konzern den osteuropäischen Markt erobern

Von Heinz Blüthmann

Volkswagen-Chef Carl H. Hahn hat sein bestes Jahr in Wolfsburg bald hinter sich. Soviel positive Superlative wie in den vergangenen Monaten sind seit 1982, als er das Steuer übernahm, noch nie zusammengekommen: Im Mai durfte er sich darüber freuen, daß VW „auf das erfolgreichste Geschäftsjahr seiner Geschichte“ zurückblickt. Im Sommer war dann klar, daß sich der Wolfsburger Autokonzern 1990 zum sechsten Mal in Folge als die Nummer eins auf dem europäischen Personenwagen-Markt behauptet – Erzrivale Fiat erlitt einen Verkaufseinbruch und verordnete seinen Arbeitern Kurzarbeit. Und seit ein paar Tagen kann Hahn außerdem ziemlich sicher sein, das Unternehmen auch in den kommenden Jahren auf der Top-Position zu halten.

Der neue „Wilde Osten“ mit seinen „gigantischen Chancen“ (Hahn) soll dafür sorgen. Ohne lange zu fackeln, hat der VW-Vorstandsvorsitzende dort gleich zwei Riesenprojekte gestartet, die dem Konzern eine völlig neue Dimension verleihen werden.

„Wenn eine Welt in Bewegung ist“, meint der Volkswagen-Chef, „muß man die Bewegung mitmachen. Das Risiko, diese Entwicklung zu versäumen, ist weit größer, als sie mitzugestalten.“

Wie seit Beginn dieser Woche feststeht, will VW allein 9,5 Milliarden Mark in die tschechoslowakischen Skoda-Werke investieren, schrittweise vom Staat die Kapitalmehrheit übernehmen und die im früheren Ostblock renommierte Marke Skoda als vierte neben VW, Audi und Seat unter dem Wolfsburger Konzerndach pflegen. Bereits im Frühjahr stand die Planung für das Gebiet der fünf neuen Bundesländer: In zwei Produktionsstätten des Trabant-Kombinats beabsichtigt Hahn zusammen fünf Milliarden Mark zu stecken.

In diesem Jahr festigte und verkaufte der VW-Konzern weltweit erstmals mehr als drei Millionen Autos und rangiert damit nach General Motors, Ford und Toyota auf Platz vier. Mit dem Aufbruch gen Osten peilt VW nun die Produktion von vier Millionen Wagen im Jahr an. Hahns unausgesprochenes Ziel: Nachdem die Wolfsburger 1986 Nissan, den zweitgrößten japanischen Hersteller, von Rang vier verdrängten, soll demnächst Toyota überholt werden. Nur schwach verhüllt gab er dies kürzlich dem Fachblatt Auto Motor und Sport zu verstehen: „Man geht entweder nach oben oder nach unten.“ Und Hahn fügte an: „Wir gehen nach oben.“